
Unverwechselbar, individuell, originell
Wolf Steinsieck war Honorarkonsul der französischen Republik (2010 bis 2015), viele Jahre Vorsitzender des Städtepartnerschaftskomitees Aachen-Reims (2003 bis 2011), und er lehrte französische Kultur- und Literaturwissenschaft am RWTH-Institut für Romanische Philologie. Heute wird er 80 Jahre alt. Ein guter Anlass für eine Retrospektive im Institut français.
Deutscher oder Franzose? Öcher oder Parisien? „Man ist da geboren, wo man seinen ersten intelligenten Blick auf sich selber richtet. Und das war für mich Frankreich“, sagt Wolf Steinsieck. „Aachen ist im Lauf der Jahrzehnte zu meiner Heimat geworden, und Paris hat mich geprägt fürs Leben.“

Seine Jugendzeit verbringt er in Paris. Sein Vater arbeitet in der NATO-Botschaft. Die Familie lebt im 16. Arrondissement am Bois de Boulogne. Im benachbarten St. Germain-en-Laye besucht Wolf die École Internationale. Jeden Tag Unterricht von 9 bis 17 Uhr. Schülerinnen und Schüler aus allen Herren Ländern, nur zwei Deutsche in derselben Klasse.
1963 kehrt die Familie nach Deutschland zurück, der Vater ist nun in Köln beschäftigt, die Familie wohnt in Aachen. Wolf besucht das Rhein-Maas-Gymnasium. Abitur, Studium der Geschichte, Romanistik und Philosophie. Sein damaliger Chef erkennt Steinsiecks besondere Ader für Frankreich und seine Literatur. Im Institut wird ihm eine Stelle als wissenschaftlicher Assistent angeboten. „Mit 27 habe ich meinen Doktor gemacht, bin geblieben und habe es nie bereut, zumal ich später dort meine Frau Angelika kennengelernt habe. Da war sie Studentin.“ So schöne Geschichten schreibt nicht nur die Literatur, sondern auch das Leben.
Alt- und mittelfranzösische Literatur, Kultur und Sprache sind sein lebenslanges Metier. Er spannt mit überragender Kompetenz den Bogen vom Mittelalter bis zur Renaissance, von der Aufklärung bis zur Französischen Revolution, von der Literatur zur Geschichte, von der Landeskunde zur Alltagskultur. Der Akademische Oberrat übersetzt und kommentiert in einer vielbeachteten Edition (die sogar von Günter Grass nachdrücklich empfohlen wird!) „Gargantua und Pantagruel“ von François Rabelais und das altfranzösische Rolandslied, das einige tausendmal verkauft wird.
„Ganz merkwürdig“
Albert Camus, 20. Jahrhundert, gehört nicht zu Steinsiecks Lehrgebiet, und dennoch zitiert er ihn gelegentlich, etwa in Vorträgen. Auszug aus Camus‘ Essay „Noces à Tipasa (Hochzeit in Tipasa): „Ich liebe dieses Leben von ganzem Herzen und will frei von ihm reden: Ich danke ihm den Stolz ein Mensch zu sein. Alles hier lässt mich gelten, wie ich bin; ich gebe nichts von mir auf und brauche keine Maske; es genügt mir, dass ich geduldig die schwierige Wissenschaft lerne: zu leben, die so viel wichtiger ist als alle die Lebenskunst der andern.“
Ist das ein Teil Ihrer Lebensphilosophie? „Ja, in einem gewissen Sinne schon. Obwohl ich als Wissenschaftler nie ein Mensch des 20. Jahrhunderts gewesen bin, sondern nur bis zur französischen Revolution mit Ausflügen ins 19. Jahrhundert. Aber was Camus da gesagt hat, ist in der Tat etwas, das auf mich zutreffen kann.“
Wolf Steinsieck analysiert unterdessen permanent die aktuelle Situation: Französische Fernsehsender sind seine täglichen Informationsquellen. Also: „Weniger Literatur, mehr Politik!“ Frankreich wählt 2027 einen neuen Präsidenten oder eine neue Präsidentin. „Ich setze meine Hoffnung auf die Partei Horizons und Édouard Philippe. Es ist beängstigend, wie stark die Rechte und die Linke geworden sind, es scheint, als werde die Mitte zerrieben. Aber ich hoffe, dass es letztlich doch für die Mitte klappt.“
Was ist los in der französischen Gesellschaft, das wir als Deutsche gar nicht verstehen?
Steinsieck: „Auf der einen Seite gibt es in Frankreich ein sehr demonstrationsfreundliches Wesen, auf der anderen Seite wählen die Franzosen rechts. Das passt auf den ersten Blick nicht zusammen. Aber man muss sehen, dass die Franzosen seit der französischen Revolution für sich in Anspruch nehmen, bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf die Straße zu gehen, um ihrem Willen Ausdruck zu verleihen, von der linken wie von der rechten Seite. Das Streikrecht ist in Frankreich verfassungsmäßig garantiert, sogar Beamte dürfen in Frankreich streiken. Eigentlich ist Frankreich das Paradies, aber die Franzosen empfinden es, als würden sie in der Hölle leben. Ganz merkwürdig ist das.“
Leben wie Gott in Frankreich: Gibt es diesen Mythos noch oder nur aus der deutschen Warte – mehr Gelassenheit, mehr Kultur, gutes Essen statt großer Autos?
Steinsieck: „Völlig korrekt, das ist nur aus der deutschen Warte so. Die Franzosen selber sind weit davon entfernt, das zu glauben.“
Und das deutsch-französische Tandem?
Steinsieck: „Es funktioniert nicht mehr, weder politisch, noch kulturell. Das gilt auch für die meisten Städtepartnerschaften und das Erlernen der anderen Sprache. Gott sei Dank gibt es immer noch einige junge Leute, die über das Deutsch-Französische Jugendwerk im jeweiligen Nachbarland sind, zum Beispiel hier im Institut français.“
Gibt es denn noch antideutsche oder antifranzösische Ressentiments, oder ist es einfach nur Gleichgültigkeit?
Steinsieck: „Die Ressentiments gibt es bei weitem nicht mehr so wie früher. Aber das Unverständnis der jeweiligen Seite ist immer noch sehr groß. Die Deutschen verstehen nicht, dass Frankreich ein absolut zentralisierter Staat ist, dass eine gewisse Disziplin herrscht und man bestimmte Formen nach wie vor beachten muss. Das steht im krassen Widerspruch zu dem, was man im Fernsehen sieht, wenn Franzosen auf die Straße gehen und Geschäfte kaputtschlagen und ausrasten. Und die Franzosen können den föderalistischen Aspekt in Deutschland überhaupt nicht nachvollziehen.“
Sie haben unzählige Werke von vielen Schriftstellerinnen und Schriftstellern gelesen. Gibt es drei, vier, fünf Favoriten?
Steinsieck: „Absolute Favoriten sind für mich Montaigne, Rabelais, Molière, Voltaire. Die größten Satiriker und Polemiker, die jeweils neue Seiten geöffnet haben für die nächste Generation. Und natürlich Beaumarchais, Uomo universale, Universalmensch der Aufklärung, Verfechter der freien Meinungsäußerung, Erfinder des Copyrights, eine Persönlichkeit mit einem abenteuerlichen Leben, unter anderem als Schriftsteller, Geheimagent, Waffenhändler, Musiker.“
Geheime Adressen
Wolf Steinsieck ist, so formuliert er es, „stolz auf das, was meine Frau hier geleistet hat: über 20 Jahre das Institut français durch diese schweren Zeiten mit Corona und mit schwierigen Finanzierungen gebracht zu haben.“ Seine Frau ist Angelika Ivens, seine Nachfolgerin im Honorarkonsulat und engagierte Leiterin des Institut français in der Aachener Lothringerstraße.
„Im Moment machen mir die Seminare große Freude, die ich hier geben kann über geheime Adressen in Paris.“ Was sich hinter bestimmten Häusern verbirgt, das interessiert Wolf Steinsieck, und daraus macht er Vorträge für seine Reihe „Paris secret“. Ein Thema Ende des Jahres wird zudem „Victor Hugo in Aachen“ sein. „Er war in Aachen und hat eine vernichtende Kritik über den Aachener Dom geschrieben, das sei eine katastrophale Architektur. Ich denke, das muss ich wieder mal ausgraben.“
2003, unter Präsident Jacques Chirac, wurde Steinsieck für den intellektuellen französisch-deutschen Austausch die Ehre eines Chevalier de l’Ordre des Palmes Académiques verliehen und 2019 für sein gesellschaftspolitisches Engagement die eines Chevalier de l’Ordre National du Mérite. Sein großer Wunsch: „Das gegenseitige Verstehen so lange zu erläutern und zu fördern, wie ich das irgendwie kann.“
Haltung und Respekt
Wolf Steinsieck hat in Lehre und Forschung der französischen Literatur nachhaltige Spuren hinterlassen – unverwechselbar und individuell wie im besten Sinne originell. Er hat die Zeitläufte verschiedener Epochen und Jahrhunderte in wohl formulierten Sätzen eingefangen und die Sprache in ihrer Schönheit mit Rhythmus, Farbe und Präzision auf ein hohes Niveau gehoben. Er war und ist ein treuer Freund und Förderer der guten Literatur und mit seinen Lebenslinien, die von Haltung und Respekt geprägt sind, ein Glücksfall für alle, die sich dafür begeistern wollen und können.
Dieser Text ist am 23. Juni 2026 in der Aachener Zeitung erschienen.
Fotos: Bernd Mathieu