
Auf der Insel Utøya

Heute vor 15 Jahren tötete in Norwegen Anders Behring Breivik 77 Menschen. Er zündete eine Autobombe im Regierungsviertel von Oslo und fuhr anschließend mit seinem Auto auf die Insel Utøya. Zu diesem Zeitpunkt hielten sich dort in einem Camp beim Sommerferienlager der Jugendorganisation der Arbeiterpartei über 500 Jugendliche auf. 2012 wurde die Europäische Union in Oslo mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Einen Tag nach der Verleihung in Oslo reiste der damalige Präsident des EU-Parlaments, Martin Schulz aus Würselen, auf die Insel. Ich war damals dabei und habe über diesen denkwürdigen Besuch eine Reportage geschrieben. Hier als Erinnerung zum heutigen Tag der Text.
Erinnerung an 2012
Es ist eine völlig andere, eine bedrückende und beklemmende Szenerie: Am Tag nach der Friedensnobelpreisverleihung besucht EU-Parlamentspräsident Martin Schulz die norwegische Insel Utøya. Hier hatte am 22. Juli 2011 der Massenmörder Anders Behring Breivik 69 junge Menschen erschossen. Dieser Besuch ist Schulz wichtig, er spricht von einem sehr emotionalen Moment für ihn und sagt: „Ich bin dankbar, dass ich hier sein darf.“
Oslo. Wir verlassen die norwegische Hauptstadt und fahren exakt diesen Weg, den am 22. Juli 2011 auch der Massenmörder benutzte. Beim verheerenden Anschlag des rechtsextremen Anders Behring Breivik starben auf der Insel Utøya am 22. Juli 2011 in nur etwa 75 Minuten 69 Menschen.
Der Massenmörder schoss wahllos auf Jugendliche im Sommercamp der „Arbeidernes Ungdomsfylking“. Das ist die Jugendorganisation der sozialdemokratischen Arbeiterpartei Norwegens. Breivik war, wie schon zuvor bei seinem Attentat im Osloer Regierungszentrum, als Polizist verkleidet. Niemand schöpfte also zunächst Verdacht. Die Insel ist seit 1950 im Besitz der Jugendorganisation, sie bekam sie vom damaligen Eigentümer, einer Handelskonföderation, geschenkt.
Einen Tag nach der Verleihung des Friedensnobelpreises will Martin Schulz unbedingt auf diese Insel. Das ist ihm wichtig nach den Empfängen, Reden, Gesprächen, nach dem feierlichen Bankett am Abend vorher.
Nach gut 40 Minuten Fahrt durch eine romantische Winterlandschaft haben wir die kleine Anlegestelle erreicht. Der EU-Parlamentspräsident legt einen Strauß Blumen, etwa 20 rote Nelken, am Ufer nieder und gedenkt der Opfer. Man blickt von hier aus unmittelbar auf die etwa 500 Meter entfernte Insel. Aus dem Wasser steigen Nebeldämpfe auf – so stellt man sich die typische norwegische Szenerie bei zwölf Grad unter Null vor. „MS Thorbjörn“ heißt die kleine betagte Fähre, die uns nach Utøya schaukelt. Auch Breivik ist mit diesem Schiff gefahren.

Schulz wird auf der Insel von Eskil Pedersen herzlich willkommen geheißen. Der junge Mann ist freundlich, hat einen festen Händedruck und blickt einen offen an. Er ist, hauptberuflich, der Präsident der jungen Arbeiterorganisation. Wir stapfen durch den tiefen Schnee über die Insel, vorbei am Haupthaus. Über dem Eingang sind die rot bemalten Buchstaben „UTØYA“ und kleiner „AUL“, die Abkürzung der Jugendorganisation, zu erkennen. Auch hier kam Breivik auf seinem Weg zum Zeltplatz vorbei. Kaum jemand redet jetzt noch.
Dann gehen wir weiter, passieren andere Holzhäuser. Auf einem leicht beschlagenen Fenster weist ein deutscher Juso-Aufkleber frühere Besucher nachhaltig aus. An einem roten Blockhaus geben geschnitzte Buchstaben Orientierung: „Konferanse-Senter“ steht da, darunter „Kafeteria“. Und: „Teltplass“. Den Zeltplatz, Ort des Sommercamps und der Morde, überqueren wir im tiefen Schnee. Nachdenklich, bedrückt, traurig. Dieser Stimmung kann sich niemand entziehen.
Auch die junge Generalsekretärin der Jugendorganisation, Marianne Wilhelmsen, ist auf die Insel gekommen, um den Repräsentanten des Friedensnobelpreisträgers EU zu begrüßen. Eskil Pedersen war während des Attentats auf der Insel und hatte das Glück, von keiner Kugel Breiviks getroffen zu werden. Er erzählt mir, dass er von Kindes Beinen an „alle Sommer“ hier verbracht hat. „Diese schöne, kleine Insel ist ein wichtiger Teil meines Lebens.“ Auch der ganz junge Willy Brandt war während seines norwegischen Exils einmal auf dieser Insel.
Ein großer Schatten
Im Sommer treffen sich regelmäßig fast 1000 Jugendliche aus ganz Norwegen hier, spielen Fußball, wandern, angeln, zelten, kochen, schließen Freundschaft und diskutieren über Politik. „Die Ereignisse des 22. Juli 2011 werfen einen großen Schatten, aber die löschen meine vielen guten Erinnerungen nicht aus“, sagt Eskil.
Martin Schulz spricht vom Respekt vor den Toten und betont auf dieser Insel besonders noch einmal die Werte Europas, gerade auch für die junge Generation. Es sei für ihn ein sehr emotionaler Moment, hier zu sein und den Geist der Solidarität aller Europäer zu beschwören. „Ich bin dankbar, dass ich hier sein darf.“

Die Insel liegt etwa 30 Kilometer von Oslo entfernt im Tyrifjord, dem fünftgrößten Binnensee Norwegens. Für Norwegen ist dieses Attentat ein Trauma. Das gilt erst recht, nachdem im August 2012 der offizielle Bericht einer politisch unabhängigen Untersuchungskommission veröffentlicht wurde. Er legt Fehler der norwegischen Behörden schonungslos offen. Viele der Opfer hätten, so heißt es in dem Bericht, möglicherweise nicht sterben müssen. Die Polizei und andere Behörden gaben der Kommission alle Informationen, nichts wurde vertuscht.

Aber das ist jetzt, in diesen Minuten, kein Thema. Fernsehsender fangen ihre kurzen Interviews ein, dann gehen wir zurück an die Anlegestelle, ziehen die Schwimmwesten wieder an und fahren zurück aufs Festland. Es war ein guter Besuch und mein individueller Abschluss dieser ungewöhnlichen Reise zur Friedensnobelpreis-Verleihung an uns Europäer. Die kleine Insel, sagt Eskil zum Abschied, werde jetzt besonders gut geschützt. Und ich denke, wir sollten das auch mit Europa und seinen Werten tun, statt nur auf die Bürokratie oder anderes EU-Gedöns zu schimpfen. Fotos: Bernd Mathieu