
„Die maximal schönste Bühne“
Organisation, Planung, Protokoll, Vorfreude, Erwartungen: Wie blicken Stefanie Peters, Präsidentin des Aachen-Laurensberger Rennvereins, und Oberbürgermeister Michael Ziemons auf die Reit-WM? Für das Magazin BAD AACHEN habe ich die beiden (Foto) zu einem gemeinsamen Gespräch getroffen.
„Der perfekte Ort, um Geschichte zu schreiben.“ So lautet prägnant der Satz in einer Presseerklärung des ALRV zur Reit-WM. Ist das Übertreibung, Hoffnung, Erfahrung, Frau Peters?
Stefanie Peters: Von allem etwas. Mein Ziel ist, dass es Realität wird und man bei der Reit-WM in Aachen wirklich Geschichte schreibt. Es ist nicht nur der Ort, sondern vor allem sind es das Ereignis und die Menschen. Und deshalb werden wir genau wie 2006 auch in 2026 Geschichte schreiben.
2006 ist vielen als einzigartiges Erlebnis in Erinnerung geblieben, das Maßstäbe gesetzt hat. Viele Reiterinnen und Reiter schwärmen noch heute davon. Und jetzt, 2026, wollen Sie das noch steigern?
Stefanie Peters: Es geht nicht darum, immer Superlative neu zu definieren. Wir müssen jetzt, in unserer Zeit, die maximal schönste und professionellste Bühne für alle Beteiligten bieten. Da denken wir zuerst an die Athleten und an die Pferde, aber wir denken auch an das Publikum, an die Sponsoren, an die Ehrengäste, wir denken vor allem an die vielen ehrenamtlichen Helfer. In der heutigen Zeit wird diese Bühne etwas anders aussehen und andere Rahmenbedingungen haben als 2006. Wir sind sehr zufrieden, wenn dann jeder mit einem Lächeln nach Hause geht.
Die WM erfordert eine völlig andere Logistik und ist eine viel größere Herausforderung in der Organisation als ein „normaler“ CHIO, wie anstrengend ist das für Sie?
Stefanie Peters: Wir haben viel mehr Nationen und ein noch internationaleres Publikum. Wir werden viele Reiterinnen und Reiter, Pflegerinnen und Pfleger, Pferde dabei haben, die noch nie in Aachen waren, die Wege nicht kennen, die nicht genau wissen, wo lade ich ab usw. Das sind manchmal Kleinigkeiten, aber die sind ganz entscheidend im Ablauf. Insofern ist das natürlich sehr anstrengend für das gesamte Team.
Herr Ziemons, der perfekte Ort, um Geschichte zu schreiben: Was kann die Stadt Aachen dazu beitragen?
Michael Ziemons: Wir sind nicht die Sportexperten, das machen andere besser. Wir sorgen für gute Rahmenbedingungen. Das tun wir jetzt, und das tun wir für die Zukunft mit dem Umbau im Sportpark Soers. Unsere Aufgabe der Stadt ist es, auch für die, die nicht die Chance haben, auf das Turniergelände zu kommen, die Begeisterung für die WM auf den Marktplatz und den Katschhof zu holen. Dafür bieten wir an allen WM-Tagen hier in der Stadt ein Programm, das die einheimischen und die internationalen Gäste gemeinsam erleben können.
Wie eng verzahnt ist das mit dem ALRV?
Michael Ziemons: Sehr eng, wir stehen in sehr regelmäßigem Austausch, wir beide persönlich, aber auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wir haben wirklich unsere Zusammenarbeit noch mal neu vitalisiert!
Wir sprachen über die Reit-WM 2006, waren Sie damals dabei?
Michael Ziemons: Da war ich 30 und gerade in Aachen zurück. Ich war nicht auf dem Gelände, aber natürlich habe ich die Atmosphäre in der Stadt miterlebt.
Wann waren Sie denn zum ersten Mal beim Turnier?
Michael Ziemons: Das erste Mal 2019 über die Städteregion.
Sehr spät.
Michael Ziemons: Relativ spät, ja. Mich hat sofort die Stimmung im Stadion und in der Stadt geflasht. Während des Turniers gibt es ein anderes Flirren und Kribbeln in der Stadt. Das spürt man auch, wenn man vorher nicht auf dem Gelände war. Das hat mit dem internationalen Charakter, mit den fremden Sprachen, die man in der Innenstadt hört, zu tun, mit glücklichen Menschen, die von der Soers in die Innenstadt kommen. Auf dem Turniergelände hat mich – und auch meine Frau – begeistert, wie spannend dieser Sport ist, und wir haben sofort dann für jedes Turnier Karten gekauft.
Welche Bedeutung hat diese WM, hat der CHIO für die Stadt Aachen und die Region? Für den Einzelhandel, für den Tourismus – kann man das messen?
Michael Ziemons: Ja, das kann man messen. Wir können ja auch messen, was uns das Eurogress, das Reitturnier, der Tivoli bringen, Institutionen, die Menschen in die Stadt holen. Das hat mit Hotellerie, mit Gastronomie, mit Tourismus zu tun. Und: Menschen kennen nachher diese Stadt, sie ist auf der internationalen Landkarte verankert, und sie ist mit positiven Erlebnissen verbunden. Das ist nicht zu unterschätzen.
Die Eröffnungsfeier schafft stets gleich zu Beginn eine besondere Atmosphäre, jetzt wird die Feier noch größer, mit mehr Nationen denn je, mit mehr Teilnehmenden, mit exzellenten musikalischen Akzenten. Ist diese Dimension eine ganz andere Herausforderung als bei den bisherigen Eröffnungen?
Stefanie Peters: Natürlich versuchen wir, jede Eröffnungsfeier besonders zu gestalten. Beim CHIO haben wir immer ein Partnerland. Für die WM haben wir uns selbstverständlich etwas Besonderes überlegt, weil wir das Publikum überraschen und begeistern wollen.
Sie legen großen Wert auf die Internationalität, aber Ihnen ist gleichzeitig auch die Integration von jungen Reiterinnen und Reitern wichtig.
Stefanie Peters: Die jungen Reiterinnen und Reiter werden schon bei der Eröffnungsfeier eine wichtige Rolle spielen, auch viele Kinder und Jugendliche, die auftreten werden. Das wird ein schönes, buntes Programm. Und wir werden bei der WM zum ersten Mal Para-Dressur als Disziplin ausrichten. Wir werden das danach in den CHIO integrieren. Das Gleiche gilt für Jugendprüfungen, das machen wir schon seit vielen Jahren, wir möchten das intensivieren. Die enge Verzahnung zwischen Profi-Reitern und Nachwuchssportlern ist wertvoll, nicht nur was den Sport unmittelbar angeht, sondern auch den Umgang mit Medien, mit Sponsoren, mit Veranstaltern, da kann man als junger Mensch unfassbar viel lernen.

Aachen spielt bei der Olympiabewerbung eine große Rolle, nicht nur bei der NRW-Bewerbung, auch bei der Berliner. Kann sich die Stadt Aachen das überhaupt leisten angesichts der aktuellen Haushaltssituation? Was sagen Sie den Skeptikern, Herr Oberbürgermeister?
Michael Ziemons: Ich muss zuerst noch einen wichtigen Aspekt ergänzen. Wir sind als Familie mit unseren Eltern selbstverständlich jedes Jahr zum Kutschenrennen in den Aachener Wald gegangen.
Das lassen wir gelten, Frau Peters, oder?
Stefanie Peters: Okay, einverstanden!
Michael Ziemons: Den Skeptikern sage ich: Wir zahlen nichts. Es ist ein Unterschied, ob ich Olympia in ein strukturschwaches Gebiet bringe oder dort hinbringe, wo eine vorhandene Infrastruktur genutzt wird. Wir haben als Kosten möglicherweise Ausgaben für Sicherheit und Ordnung. Da engagieren wir uns ohnehin bei jedem CHIO. Olympische Spiele werden für die Stadt Aachen deshalb keine Mehrkosten bedeuten. Wir haben die ÖPNV-Struktur, die Sicherheitsstruktur, wir wissen, wie die Verkehrsströme verlaufen, wenn 40.000 Leute gleichzeitig das Reitstadion verlassen. Das kennen wir alles schon.
In der Vergangenheit hat es zwischen dem ALRV und der Stadt gehakt, was den Ausbau des Sportparks Soers, die geplante Halle, den weiteren Turnierplatz und die Erweiterung des Geländes angeht. Geht es jetzt wirklich voran?
Michael Ziemons: Ja, der Bauantrag ist bei der Bezirksregierung. Wir haben einen gemeinsamen Plan und ein gemeinsames Bild. Und das ist nicht nur Absicht, sondern in Papier „gegossen“. Die Anträge sind fristgerecht gestellt worden. Wenn man bedenkt, dass wir im November quasi noch einmal bei Null angefangen haben, ist das eine Rekordleistung gewesen, die nur geklappt hat, weil ALRV und Stadt Hand in Hand sehr eng abgestimmt zusammengearbeitet haben.
Für den ALRV ist das fast eine überlebenswichtige Perspektive, Frau Peters. Sie haben jetzt schon zu wenig Platz und sind dringend auf eine Erweiterung angewiesen. Wie lange wird das dauern mit den Bauprojekten?
Stefanie Peters: Wir hatten viele Jahre Zeit zu planen, haben uns immer weiter spezialisiert und teilweise anpassen müssen. Die Baukosten haben sich seit 2019 gefühlt verdoppelt. Zeitplanmäßig sind wir in einem ziemlich engen Korsett, weil wir uns in einer Strukturmittel-Förderung befinden, wir müssen bis Ende 2029 fertig sein. Das werden wir schaffen, daran haben wir keinen Zweifel. Wir haben eine ganz klare Planung, wie die Ausschreibung läuft und zu welchem Zeitpunkt mit dem ersten Spatenstich begonnen wird. Besonders wichtig ist das für die in die Jahre gekommene Albert-Vahle-Halle. Wir brauchen die neue Halle als Gesicht für den CHIO Aachen CAMPUS und als Eventhalle für die vielen Turniere, die wir indoor machen. Gleichzeitig brauchen wir unbedingt die Geländeerweiterung.
Für Sie persönlich ist die WM nicht nur eine logistische Aufgabe mit zahlreichen Gesprächen, Beratungen und Entscheidungen, sondern auch eine repräsentative Herausforderung. Wie bereiten Sie sich darauf vor – mit Vorfreude, Nervosität, Anspannung?
Stefanie Peters: Man muss das gerne machen, sonst wird es wirklich sehr herausfordernd. Und ich mache das sehr gerne. Man muss die Offenheit haben, gerne auf jeden Menschen zuzugehen, und mir kommt zugute, dass ich den Sport unglaublich gut kenne, weil ich seit so vielen Jahren ehrenamtlich beim ALRV tätig bin und damit gefühlt jeden Grashalm kenne. Das gibt mir eine große Sicherheit. Wenn man authentisch ist, wird das alles gut gelingen. Bei der WM werden wir natürlich deutlich mehr internationale Ehrengäste und aus der Bundespolitik haben als beim CHIO. Die Leidenschaft, die ich für diesen Sport und für diese Veranstaltung mitbringe, hilft dann auch über ein bisschen Nervosität hinweg.
Michael Ziemons: Solche Begegnungen nutzen wir sehr gezielt, um ins Gespräch zu kommen, Menschen unsere Stadt zu zeigen, von unserer Stadt zu überzeugen und um Themen zu besprechen, die für unsere Stadt und für unsere Region wertvoll sind. Und bei der WM werden wir noch einmal sehr für Olympia werben, zumal die IOC-Präsidentin in Aachen erwartet wird. Wir werden sie und andere internationale Gäste ins Rathaus einladen.
Mit wie vielen Zuschauerinnen und Zuschauern rechnen Sie?
Stefanie Peters: Mit 500- bis 550.000, etwa 200.000 mehr als beim CHIO, aber die WM dauert ja auch länger. Viele werden sich öfter als sonst in der Innenstadt aufhalten, um essen zu gehen oder das WM-Special zu erleben. Bei zwölf Tagen ist nicht jeder nur zwölf Tage in der Soers.

Richard Vogel wird, so hat er es gesagt, die WM im eigenen Land, zumal in Aachen, nie mehr vergessen. Wer ist denn Ihr Favorit?
Stefanie Peters: Beim CHIO waren die 30 Besten der Weltrangliste, mindestens 20 davon hätten der Sieger sein können. Das ist so tagesformabhängig. Ich würde es Richard Vogel gönnen, und ich würde es auch anderen gönnen. Bei mir schlägt immer das Dressur-Herz. 2006 hat Isabel Werth den Spezial im großen Stadion gewonnen. Das war Gänsehaut pur. Ich wünsche Isabel sehr, dass sie auch diesmal wieder ganz vorne stehen kann.
Und Ihr Favorit, Herr Ziemons?
Michael Ziemons: Ich mag tatsächlich Richard Vogel besonders gerne und kann auch sagen, warum: Er ist der Liebling unserer Mitarbeiter im Veterinäramt. Er bringt seine Pferde selber zur Horseinspection, weil die ihm so am Herzen liegen. Das beeindruckt mich.
Fotos: Bernd Mathieu