
Verrückt! Oder normal?
Aachen. „Es ist Psycho-Zeit.“ So lautet der erste Satz im neuen Buch von Manfred Lütz. Und der Autor nennt als signifikantes Beispiel nicht überraschend den Mann im Weißen Haus in Washington. „Noch vor 20 Jahren hätte man nicht für möglich gehalten, dass jemand so ,Verrücktes‘ wie Donald Trump amerikanischer Präsident wird.“ Die Liste führt er fort mit Putin, Kim Jong-un und dem ehemaligen brasilianischen Präsidenten Bolsonaro. „Man kann tatsächlich den Eindruck gewinnen, verrückt sei das neue Normal.“
Manfred Lütz, Psychiater, Psychotherapeut, Theologe, Philosoph und Bestseller-Autor, hat ein neues Buch geschrieben: „Churchills Augen – psychologische Lichtblicke in irren Zeiten“ ist eine reichhaltige, informative, analysierende und vor allem auch unterhaltsame Sammlung von Essays und Beiträgen zu vielen Themen der Psychotherapie, ungewöhnlichen Patienten, zur Psychologie für den Alltag und für den Umgang mit den „neuen Herrschern“.
Churchill? Das ist in diesem Fall keine Reminiszenz an Sir Winston, sondern der Name des Familienhundes, der hier dazu dient, das Gute am schlechten Gewissen darzustellen. Der gar nicht gewissenlose Basset Hound und seine suggestiven Augen haben dem Buch den Titel gegeben.
Die Deutschen und ihre Befindlichkeiten, die Diktatoren dieser Welt, die verschiedenen Milieus, die Gefahren für die Demokratie, die Spaltung der Gesellschaft, der Umgang mit negativen Nachrichten – Fragen und Antworten. Ein Gespräch mit Manfred Lütz.
I. Die Deutschen und ihre Psychotherapie
In Deutschland gibt es über 50.000 Psychotherapeuten, so viele wie kaum in einem anderen Land. Über eine Million Menschen sind in Psychotherapie. Was stimmt mit den Deutschen nicht?
Manfred Lütz: Das liegt nicht an den Deutschen, das liegt am System. Ich engagiere mich seit Jahren dafür, dass die Wartezeiten für Psychotherapie in Deutschland von fünfeinhalb Monaten problemlos auf drei Wochen reduziert werden könnten.
Wer verhindert das?
Lütz: Das verhindern Berufsfunktionäre. Es gibt in Deutschland Menschen, die nach Scheidungen, nach Lebenskrisen, nach beruflichem Chaos ernsthaft Gesprächsbedarf haben, weil viele Institutionen nicht mehr funktionieren.
Zum Beispiel?
Lütz: Die Dorfgemeinschaften, die Kirchen. Deshalb gehen immer mehr Menschen zum Psychotherapeuten und besetzen Plätze, die eigentlich für Kranke gedacht sind. Ich habe vorgeschlagen, Indikationsgespräche vorzuschalten, um festzustellen, ob jemand überhaupt krank ist. Jemand, der wirklich psychisch krank ist, kann nicht fünfeinhalb Monate warten. In Deutschland findet ein schwer psychisch Kranker oft keinen Platz. Der hat gar nicht den Antrieb, 50 Psychotherapeuten anzurufen. Das ist für ein zivilisiertes Land beschämend.
Warum verhindern Berufsfunktionäre eine bessere Regelung?
Lütz: Psychotherapeuten haben das Recht, selbst auszuwählen, mit wem sie diese Gespräche führen.
Also müssten sie konsequenter Leute, die nicht krank sind, wegschicken.
Lütz: Das tun viele auch. Aber das System gibt Anreize dafür, gesündere Menschen zu behandeln. Ich bekomme für einen besorgten Menschen, der ein wirkliches Problem hat, aber nicht krank ist, genauso viel Geld wie für einen schwer Kranken.
II. Diktatoren sind böse, nicht krank.
Sie schreiben in Ihrem Buch über Diktatoren und sagen, in Hitler oder Stalin begegne uns das Böse, aber das sei überhaupt nichts Krankes. Wie geht man mit Leuten wie Trump, Kim Jong-un, Bolsonaro, Putin um, die nicht psychisch krank, aber durchaus böse sind?
Lütz: Das Böse ist für uns Menschen immer etwas unglaublich Unheimliches. Das Böse kann man nicht verstehen, es ist da. Wie verhindert man diese Leute? Man darf sie erst mal nicht wählen solche gefährlichen Menschen, die merkwürdig und böse, aber nicht krank sind. Im Umgang mit solchen Leuten, die zunehmend die Welt beherrschen, muss man sich wieder an längst vergangene Zeiten erinnern.

Welche sind das?
Lütz: Wir sind jetzt wieder auf dem Stand des 18. Jahrhunderts, wo es Herrscher gab, deren höchstpersönliche Macken und Launen die Diplomaten beachten mussten, wenn sie gute Verträge hinbekommen wollten. Genau so läuft das im Moment. Den Nato-Generalsekretär Rutte finde ich beeindruckend. Der reagiert auf Donald Trump unter Aufgabe jeder Selbstachtung.
Beeindruckt er Sie positiv oder negativ?
Lütz: Sehr positiv, weil vor allem er es mit seiner Art, Trump zu umschmeicheln, geschafft hat, dass Trump nicht aus der Nato ausgetreten ist. In seiner Rolle ganz ehrlich zu verkünden, „Trump ist eine Zumutung“, ist für die Selbstachtung vielleicht super, wäre aber politisch katastrophal.
Also war es richtig, dass Friedrich Merz Donald Trump einen Golfschläger und ein WM-Trikot geschenkt hat?
Lütz: Das war nicht nur richtig, sondern das war im Sinne der Diplomatie des 18. Jahrhunderts erforderlich.
III. Leben im Milieu
Aber warum wählen Menschen Leute wie Trump, dem Sie im Buch moralischen Analphabetismus bescheinigen?
Lütz: Wenn ich das wüsste, wäre ich der führende Wahlkampfberater der Demokraten in Amerika. Wir leben in einer virtuellen Welt, die sehr von Medien geprägt ist. Trump liefert fast täglich Unterhaltung, täglich neue Aktionen in permanenter Präsenz. Das andere Phänomen sind ideologische Debatten in Amerika, etwa die Abtreibungsdebatte, die Trump viele christliche Wähler gebracht hat.
Trump oder auch die AfD treffen in der Gesellschaft auf unterschiedliche Milieus, die stets nur ihre Sicht auf die Welt für richtig halten und genau wissen, was gut, schlecht, wahr oder falsch ist.
Lütz: Jeder von uns lebt in einem Sinus-Milieu, wie Soziologen das nennen. Ratsam ist, dass man wenigstens einen Freund hat, der aus einem anderen Milieu ist. Jemand, den man spießig findet, der einen anderen Geschmack hat, was Musik oder anderes betrifft, so dass man nicht immer nur beschallt wird von Menschen der gleichen Meinung.
IV. Menschen am Pranger
Wir gehen in ein anderes Milieu, diskutieren, sagen unsere Meinung, ohne die Person an den Pranger zu stellen. Wie funktioniert das mit Menschen, die aber genau das tun – andere pauschal verdammen?
Lütz: Bei uns profitiert leider eine radikale Partei wie die AfD davon, dass zu viele Menschen moralisch an den Pranger gestellt werden Am Pranger steht man heute nicht bloß auf dem Marktplatz, wie im Mittelalter, sondern im Internet überall und für immer, und das ist unglaublich beängstigend für viele Menschen. Da reicht manchmal schon ein falsches Wort. Und dann kommt die AfD und sagt: Wir stehen auch am Pranger, aber bei uns kannst du frei reden und wir verteidigen dich! Dadurch entsteht eine Gruppenkohäsion. Je mehr auf diese Gruppe draufgehauen wird, desto intensiver wird der Gruppenzusammenhalt. Und dann saugen solche Leute die ganze braune Soße der AfD mit auf, die die schlimmste rechtsradikale Partei Europas ist.
Was machen die anderen Parteien falsch?
Lütz: Sie müssten sich viel stärker um die AfD-Wähler kümmern, die überhaupt erstmal verstehen, statt immer bloß floskelhaft auf die Partei zu hauen.
Der Spiegel titelte mit AfD-Siegmund als „gefährlichstem Mensch Deutschlands“, der Stern mit der „AfD-Falle“, das MDR-Fernsehen zensierte mit schwarzem Bildschirm das eigene Programm, um zu demonstrieren, was die AfD alles streichen würde: Stärkt das die AfD, statt sie zu schwächen?
Lütz: Ich fürchte, dass die Medien und auch die Politik in der Regel den eigenen Stammtisch bedienen. Man redet so, dass die Gleichgesinnten johlen. Das bringt aber keine einzige AfD-Stimme zurück. Ich finde es dramatisch, dass sich niemand in der Berliner Polit-Blase für die AfD-Wähler zu interessieren scheint. Die werden nicht wegen guter Politik zurückkommen, die sind nicht alle rechtsradikal, die sind vor allem emotional empört. Und da müsste man sie abholen.
Friedrich Merz hat doch mit seinem Stadtbild-Begriff den Versuch gemacht, aber erfolglos.
Lütz: In einer Umfrage fanden 70 Prozent der Deutschen die Äußerung richtig. Zu keinem anderen Zeitpunkt hatte der Kanzler 70 Prozent der Deutschen hinter sich. Aber dieser Elfmeter ist liegen geblieben und das Thema nicht weiter verfolgt worden. Grüne und Linke haben die Äußerung direkt heftig kritisiert. Aber wenn zum Beispiel manche Menschen, die nicht rechtsradikal sind, aber keine Fremdsprachen sprechen und keine anderen Kulturen kennen, sich in ihrer Stadt nicht mehr zu Hause fühlen, dann müssen sie das sagen können, ohne gleich in die rechte Ecke gestellt zu werden.
V. Vorbeugend leben, gesund sterben
Ein anderer Aspekt in Ihrem Buch ist die Lebensqualität von Menschen, Sie bevorzugen Intensität statt Quantität, wörtlich: „Es ist unsinnig, nur noch vorbeugend zu leben und sein Leben von morgens bis abends mit lebensverlängernden Maßnahmen zu vertun“.
Lütz: Die Menschen glauben heute nicht mehr an den lieben Gott, sondern an Gesundheit. Es gibt Menschen, die leben überhaupt nicht mehr wirklich, die leben nur noch vorbeugend und sterben dann gesund. Doch auch wer gesund stirbt, ist definitiv tot. Die Sehnsucht nach dem ewigen Leben gibt es in jeder Religion der Welt, und heute wird sie in der Gesundheitsreligion ausgelebt, indem man suggeriert, wenn man Sport mache, durch die Wälder laufe und gesund isst, dann stirbt man nicht. Doch wer den Tod verdrängt, verpasst das Leben.
Muße beschreiben Sie als völlig zwecklos, aber höchst sinnvoll verlebte Zeit – Musik hören, freundschaftliche Gespräche führen, Kunst bewundern, ein Fest feiern. Sind die meisten von uns zu wenig achtsam mit ihrer Zeit?
Lütz: Wir müssten uns die Unwiederholbarkeit jedes Moments angesichts des unvermeidlichen Todes stärker klar machen, um wirklich intensiv leben zu können. Mein Buch ist auch eine Lebenshilfe, wie man intensiver und besser leben kann. Muße ist für die alten Griechen und Römer der Ort gewesen, wo man den Sinn des Lebens spüren kann. Das ist heute für viele, die nur noch durch ihr Leben hetzen, etwas, das sie verpassen.
Was raten Sie als erfahrener Psychotherapeut, wie Menschen mit den täglichen negativen Nachrichten umgehen sollen?
Lütz: Glücklich wird man, wenn man etwas in sich Sinnvolles tut. Unser Dorf im Rheinland ist glücklicher, seit wir Flüchtlinge haben. Ich meine das ganz ernst. Viele Menschen, die früher nur ihre Rente verzehrt haben, kümmern sich jetzt engagiert um Flüchtlinge, gehen mit ihnen zu Behörden und zum Arzt. Menschen in Not zu helfen, erlebt man als in sich sinnvoll, und wenn man etwas Sinnvolles tut, dann ist man glücklich. Passiv vor dem Fernseher zu sitzen und sich eine Katastrophe nach der anderen anzusehen, macht auf Dauer traurig und hilflos. Jeder kann helfen, Babysitten, Menschen Deutsch beibringen, Leuten beim Amt helfen oder vielleicht einfach nur einen fremd aussehenden Menschen anlächeln, jeder kann das.
Das Buch hat über die Aspekte in diesem Interview hinaus auf seinen 223 Seiten eine Fülle an weiteren Themen: psychische Krankheiten, Depression, Manie, angeblich depressive Symptome nach der Corona-Pandemie, psychologische Massenphänomene, Methoden der Psychotherapie und auch ein Kapitel mit dem originellen Titel „Peinliche Ausfälle einer älteren Dame aus Bergisch-Gladbach“.
Das Interview ist in der AACHENER ZEITUNG, Ausgabe 16.9.2026, erschienen.