
„Wie soll man sich orientieren?“
Navid Kermani schreibt über einen Schriftsteller und er heißt: Navid. Und das heißt wiederum: Autobiografische Erkenntnisse, Erfahrungen, Erlebnisse und Begegnungen sind absichtlich. Vor zwei Jahren haben wir in seinem Kölner Büro lange über sein großes Werk „Alphabet bis S“ gesprochen. Jetzt, bei diesem von ihm ausdrücklich als Roman gekennzeichneten Werk sind es gerade 157 Seiten, die Antworten geben sollen auf seine Frage: „Wie soll man sich orientieren in einem Leben, dessen Koordinaten nicht mehr zu stimmen scheinen?“. Er möchte gar nicht so gerne über sein aktuelles Buch reden: „Ehrlich gesagt, bin ich immer etwas zurückhaltend, mein eigenes Buch zu erklären.“
Wenn man das Buch gelesen hat, versteht man diese Zurückhaltung, das Buch ist sehr persönlich, für den Leser gleichsam nachvollziehbar wie schwierig.
Die vertraute Welt
Der erste Satz bringt die Angelegenheit auf den Punkt: „Von einigen Begebenheiten der letzten Monate möchte ich berichten.“ Es ist der Sommer 2024, in dem globale Entwicklungen mit besorgniserregenden politischen und moralischen Haltungsschäden daherkommen, die der Schriftsteller Navid mit persönlichen Ereignissen verbindet. Die vertraute Welt, die wir, gut aufgehoben in der beruhigenden Mischung aus Demokratie und Wohlstand, seit Jahrzehnten kennen und für eine Selbstverständlichkeit unseres westlichen Lebens halten, hört auf zu existieren. Kriege – Kermani nennt beispielhaft Ukraine, Gaza und Sudan -, autokratische Regierungen, er erwähnt besonders die schon im Sommer 2024 drohenden Veränderungen, sollte Trump die Wahlen gewinnen.
Nichts bleibt, so wie es ist. Und wenn das mit persönlichen Begebenheiten korrespondiert, hat längst eine Zeit begonnen, über die es neu und grundsätzlich nachzudenken gilt. Sehr individuell, sehr differenziert. Navid Kermani entwirft für die wenigen Wochen mehr als ein romangesteuertes Drehbuch, er beschreibt Realitäten. „Dass die Koordinaten politischer Zuschreibung sich verschieben oder durcheinandergeraten, gehört ebenfalls zur Lage, in der ich zu schreiben begonnen habe, und könnte später einmal als Symptom jener zunächst schleichenden, zunehmend jedoch eruptiven Auflösung des liberalen Gesellschaftssystems verstanden werden, die nach meinem Eindruck in den Jahren nach dem Mauerfall begann, also just in dem Triumph über den Kommunismus.“
Die Veränderung
Wenn Chauvinismus in genügend großen Ländern herrsche, werde das liberale und globalistische System nicht mehr funktionieren: Rechtsstaatlichkeit werde untergraben, als erstes das Völkerrecht mitsamt der Internationalen Gerichtsbarkeit, Handelskriege, ein endgültig außer Kontrolle geratener Klimawandel und: „Ein Großteil der Ukraine fiele an Russland, China würde sich als neue Ordnungsmacht durchsetzen …“ Kermani zählt die wesentlichen Stellschrauben der Veränderung auf.
Er kombiniert es nicht ohne Sensibilität und Sympathie mit den Lebens- und Zeitläufen seiner Protagonisten. Da ist der Galerist Rudolf Meyer, Nachfahre von Holocaust-Opfern und dennoch zuweilen AfD-nahe, der nach der Pleite seiner Galerie und einem Sturz seinen Suizid organisiert; da ist C., seine Lebensgefährtin, die sich schließlich von ihm trennt; da ist sein beruflich erfolgloser Schulfreund Olaf, dessen Tochter Klara in pompöser Feierlichkeit heiratet und mit dem er diskutiert, auch über die junge Generation: „Wir nehmen ihnen die Zukunft weg.“; da ist Julia, die ihm in einer Kneipe von ihrer Vergewaltigung erzählt, über die er in Verfremdung der Person in einem seiner Bücher schreibt und die sich dennoch ein zweites Mal missbraucht fühlt; da ist immer wieder die Verbindung zur Literatur, zu Thomas Mann und zu seinem „Zauberberg“, über den er seinem Freund sagt: „Denk nur, wie gesittet dort alles zugrunde geht.“
Am Ende: Fragen.
Die vielen Facetten des Buches sind untrennbar, „weil das Private mit dem Politischen immer zusammenhängt“, wie der Schriftsteller formuliert. Kermani fasst, auch ein Zitat aus dem Buch, das „ganze Paket“ in die 157 Seiten: Gaza, Israel, Geiseln, Ukraine, Flüchtlinge, Klimaschutz, AfD, Trump, sogar der Hambacher Forst findet literarische Erwähnung. Das ist – mit den Figuren, denen er folgt, viel, vielleicht zu viel. Man muss sich darauf einlassen, und bleibt am Schluss zurück in einer Nachdenklichkeit, die selten Antworten gibt, sondern wesentliche Fragen stellt. Und das ist doch ein gutes Ergebnis.
Foto: Bernd Mathieu
Der Bericht ist am 7. März 2026 in der AACHENER ZEITUNG erschienen.