Bernhard Paul: „Ich hab‘ das nie erwartet“

Bernhard Paul: „Ich hab‘ das nie erwartet“

Zwei, die seit Jahrzehnten dazu gehören: Weißclown Gensi (Fulgenci Mestres Bertran) und Georg Pommer, Musikalischer Direktor.
Zwei Roncalli-Stars, die seit Jahrzehnten dazu gehören: Weißclown Gensi (Fulgenci Mestres Bertran) und Georg Pommer, Musikalischer Direktor und Bandleader

50 Jahre Roncalli. Am 18. Mai 1976 startet der Zirkus auf der Hofgartenwiese in Bonn. Es hat nur drei Monate Vorbereitungszeit gegeben. Bernhard Paul, damals und bis heute Roncalli-Direktor, besorgt in kürzester Zeit ein Zirkuszelt, Lichterketten, Sitztribünen, Logen, Manege, Orchesterbrücke, Scheinwerfer, Mikrofone, Lautsprecher, fährt mit seinem alten Auto quer durch Italien und engagiert Artisten. Es klappt, und Paul spricht noch immer von einem Wunder. Und dann das Desaster: Finanziell geht es danach nur bergab, der schöne Traum ist viel zu schnell ausgeträumt. Vier Jahre später gelingt ein fulminanter Neustart in Köln. Auf seinem angestammten Platz, dem Neumarkt, feiert Roncalli derzeit sein Jubiläum.

Neu im Roncalli-Repertoire: die Glocke am Eingang - ein Wunsch von Bernhard Paul.
Neu im Roncalli-Repertoire: die Glocke am Eingang – ein Wunsch von Bernhard Paul.

Für den Roncalli-Chef ist das am Premierenabend ein einzigartiges Erlebnis. Er kommt in die Manege, will begrüßen. Aber er hat nicht den Hauch einer rhetorischen Chance. Die Menschen stehen auf, klatschen, jubeln, bevor er ein Wort ausgesprochen hat. Bernhard Paul: „Es war eine Überraschung für mich! Ich hab‘ das nie erwartet. Die applaudieren und stehen alle auf.“

Irgendwann setzen sie sich dann doch, und das Jubiläumsprogramm kann beginnen – und wie! Erfrischend, authentisch, sympathisch, liebenswürdig, berührend, spannend, aufregend. In Echtzeit. Alles live. Alles präsent. Alles hoch anspruchsvoll. Alles perfekt. Alles bunt.

Bernhard Paul in einem der zahlreichen Werkstatt-Räume: Hier werden die Kulissen für die Roncalli-Träume geschaffen. Auch <aufwendige Restaurierunge, etwa alter Zirkuswagen,sind Programm und Anspruch.
Bernhard Paul in einem der zahlreichen Werkstatt-Räume: Hier werden die Kulissen für die Roncalli-Träume geschaffen.

Wenige Tage später treffen wir uns im Roncalli-Winterquartier in Köln-Mülheim. Wir reden lange über Roncalli, über Journalismus, über Politik. Er zeigt Bilder aus alten Zeiten und Fotos des Roncalli-Anwesens auf Mallorca. Szenen mit Caterina Valente und Heinz Rühmann. Und der junge Bernhard am Schlagzeug mit der legendären Beat- und Rockband „The Lords“.

Fragen, Antworten und Zitate aus unserem Gespräch. Empfindest Du Köln als zuhause? „Nicht Köln, sondern die Kölnerinnen und die Kölner. Die sind unser Publikum, unsere verschworene Gesellschaft.“

Aachen nicht auf der Liste

Und Aachen, wo Roncalli schon so oft war, lange auf dem Blücherplatz, danach am CHIO-Gelände? „Na ja, da haben sie uns trotz Zusage vom Platz am Turniergelände verscheucht und wir mussten auf den Bendplatz, der war furchtbar. Momentan haben wir Aachen von der Liste gestrichen.“

Wie bitte? Für 2027 gibt es keinen Termin in Aachen? „Nee, gibt es nicht. Auf den Bendplatz gehen wir sicher nie mehr. Mit dem neuen OB hatte er noch keinen Kontakt. Den könnte man gewiss vermitteln. „Okay, dann schauen wir mal“, antwortet Paul.

DFie nächste Generation in der Manege: Lili Paul-Roncalli.
Die nächste Generation in der Manege: Lili Paul-Roncalli.

Im Jubiläumsprogramm wollte Paul Artisten haben, die er sich schon immer gewünscht hatte. „Im Zirkus geht es um Leute, die Dinge können, die du nicht kannst. Und dann gibt’s Leut‘, die was machen, wo du nur staunst. Und dann gibt’s Leute, wo du sagst: unvorstellbar. Und die wollte ich haben.“

Zum Beispiel die sensationelle Einrad-Nummer von Pavel Valla Bertini, der auf 15 Rädern übereinander fährt. Den hat er gesehen und sofort angesprochen. Diesen Spitzenartisten hat er an den Anfang des Programms gesetzt. „Es fängt an, und die Leute sagen sofort: Boah! Mein Prinzip: schon am Anfang volle Pulle!“

Was erwartet er von seinem Zirkus? „Er muss künstlerisch und musikalisch perfekt sein. Der Zirkus und seine Artisten und Künstler geben ihr Herzblut und ihre ganze Kraft, damit die Menschen begeistert sind. Das Oberflächliche, das momentan herrscht, auch das oberflächliche Reden, hat da keinen Platz.“

Ein Programm, das begeistert: Finale bei einer Vorstellung in Köln
Ein Programm, das begeistert: Finale bei einer Vorstellung in Köln

Bernhard hat als Sechsjähriger in seinem Heimatort Wilhelmsburg/Niederösterreich seine erste Zirkusvorstellung gesehen und wollte seitdem Clown werden.Das war ein Schlüsselerlebnis. Und es war letztlich der Schlüssel zum Erfolg, den man sich damals als Kind nicht vorstellen konnte.“ Was hast Du nicht erreicht, was Du gerne erreicht hättest?

„Es gibt Leute, die sehen, was ich mache und mich fragen, wie viele Leben ich schon gelebt habe. Kaffeehäuser, Dinnershows, Spiegelzelt, Weihnachtsmärkte, Weihnachtszirkusse, Apollo-Varietè und eine tolle Frau, drei Kinder, tolles Winterquartier, schuldenfrei. Ich hab immer das gemacht, was ich wollte und eigentlich bis jetzt Ziele übererfüllt. Ich wollte gar nicht so viel. Ich wollte einen schönen Zirkus und fertig! Aber da ich rastlos und ruhelos bin, habe ich mehr erreicht als geplant.“ Und er war ständig unterwegs. „Ein Zirkus muss wandern, man kann nicht immer nur um den Kirchturm fahren. Wir haben gespielt in Moskau, in New York, in Sevilla, Amsterdam, Brüssel, Kopenhagen, Zürich, Wien. Und jede Stadt hat ihren eigenen Schwierigkeitsgrad.“

Was oder wer hat Dich in diesen 50 Jahren besonders berührt? „Menschen. Ich habe meine eigene Welt auch beobachtet. Als ich meine Clown-Nummer gespielt habe, habe ich Franceso Caroli, den Weißclown, beobachtet. Den habe ich als Kind schon gesehen und bewundert und ihn angeschaut wie einen Gott. Und dann spiele ich mit dem, er steht neben mir und spricht mit mir und wir machen eine Clown-Nummer zusammen. Oder Pic, mit welcher Inbrunst und Seligkeit der seine Seifenblasen-Nummer gemacht hat, so wahrhaftig, so ehrlich, so rein. So etwas hat mich über die Jahre beeindruckt. Und das gilt auch heute noch, zum Beispiel in der Werkstatt mit Dimitri, dem Leiter, den liebe ich innig. Was der alles kann und macht: Ich stehe davor und bin gerührt.“

Roncalli ist seit 2018 komplett ohne Tiere. „Der Zirkus meiner Kindheit war eng verbunden mit Tieren. Ich stand aber bereits als Kind sehr nachdenklich vor dem Bärenkäfig. Der Bär hat nur gebrummt und fühlte sich nicht wohl. Als er dann in der Manege im Flitterkostüm Motorrad fuhr, da hab ich gewusst: Das ist nicht mein Zirkus. Und Schimpansen im Matrosenkostüm auf dem Drahtseil, das hat mir als Kind schon nicht gefallen.“

Roncalli ist mitten in dem Getöse unserer Zeit eine Insel mit Kreativität, Kunst und Kultur und ganz viel Romantik und Nostalgie – in der Manege und davor. Es scheint, als würden die Menschen den Mangel an politischer Kultur und den Zustand dieser Welt zumindest für zweieinhalb Stunden ausblenden. Bernhard Paul: „Es ist ein Seiltanz zwischen dem Sich-Erneuern und der Alte zu bleiben.“ Zum Jubiläum ist das nachhaltig gelungen.

Fotos: Bernd Mathieu

Zuerst erschienen in der Aachener Zeitung vom 17.4.2026

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