
Eine überragende Hymne für Europa
Strengste Isolation. Einsamkeit. Über eine lange Zeit ohne jeden Kontakt zur Familie. Schwere gesundheitliche Probleme und eine Operation wegen eines Magengeschwürs.
Abgemagert. Eingesperrt in einem Straflager, weil sie für Demokratie, Menschenrechte und Freiheit kämpfte. Zu elf Jahren Haft wegen angeblicher Verschwörung verurteilt in dem Unrechtsstaat Belarus. Aber nicht vergessen. 2022 gemeinsam mit den Bürgerrechtlerinnen Swetlana Tichanowskaja und Veronica Tsepkala Maria Kalesnikava mit dem Aachener Karlspreis geehrt.
Sie konnte ihn wegen ihrer Haft damals nicht persönlich in Empfang nehmen. Ihre Schwester Tatsiana Khomisch vertrat sie damals, und unvergessen bleibt, wie sie bei jeder Gelegenheit Marias Foto hochhielt – im Krönungssaal, auf dem Rathausbalkon, am Katschhof. Bei zahlreichen Veranstaltungen in Deutschland von Stuttgart bis nach Berlin.
Endlich!
Heute, an diesem Samstag, überreicht Tatsiana ihrer Schwester Maria die Karlspreis-Medaille. Endlich! Endlich ist Maria frei. Endlich darf sie in Aachen sein. Endlich darf sie zu den Menschen hier sprechen. Endlich darf sie in ihrer bewegenden, berührenden Rede Europas Kultur, Europas Werte, Europas Bedeutung immer wieder betonen. Sie tut das in einer optimistischen, zuweilen sogar fröhlichen Art, als hätte sie nie die Qual des Arbeitslagers, die Schikanen der Diktatur, die Willkür der korrupten Justiz ertragen müssen.

Maria ist eine großartige Persönlichkeit mit Mut, mit Haltung, mit Kompromisslosigkeit, wenn es um Menschenrechte und Menschenwürde geht. Sie hält uns, die da im Krönungsaal sitzen, den Spiegel vor nach dem Motto: Schaut rein, schaut Euch Euer grandioses Europa an, schaut Euch diese europäische Kultur an, die am Ende stärker sein wird als jede Armee. Gebt nicht auf und vor allem: gebt bitte nicht dieses Europa auf, auf das so viele mit so großer Hoffnung blicken!
„Solidarität rettet Leben“
Sie dankt in ihrer Rede den zahlreichen aufrechten Menschen, die sie während der Haft über Jahre unterstützt haben, und sagt: „Das zeigt eine einfache Wahrheit: Solidarität rettet Leben. Sie kann zur Brücke werden zwischen einer Gefängniszelle und der freien Welt. Auf diesen Ideen wurde Europa aufgebaut.“ Diese mutige Frau hat dem Karlspreis gefehlt, weil sie völlig andere Akzente setzt als so manche Feiertagsrede, die wir hier schon gehört haben. Weil sie aufrüttelt und uns, den Europäern, bei aller Dankbarkeit auch ins Gewissen redet: Verzagt nicht, Europa ist stark; denn es hat Kultur, pflegt und fördert sie bitte diese Kultur und kämpft für sie, jeden Tag.
Das Karlspreis-Direktorium hat heute eine Freiheitskämpferin geehrt und eine bewegende, wahrscheinlich sogar historische Veranstaltung möglich gemacht, die mehr als jede andere bisher tatsächlich ein Festakt ist. Oberbürgermeister Michael Ziemons hebt den heutigen Tag aus den bisherigen „historischen Momenten“ früherer Karlspreis-Verleihungen heraus: „Dieser Moment gehört für mich zu den berührendsten. Er zeigt, dass sich Standhaftigkeit lohnt. Solidarität ist das Beste, was Europa zu bieten hat.“
Ein großes Zeichen
Solidarität: Dieses faszinierende Wort wird heute mehrfach prägnant ausgesprochen, auch von Maria Kalesnikava. Von der Auszeichnung habe sie erst etwas später im Gefängnis erfahren. „Sie war und ist für mich ein großes Zeichen der Solidarität mit allen Belarussen.“
Kalesnikava war überraschend im Dezember 2025 gemeinsam mit 122 weiteren politischen Gefangenen nach erfolgreichen Vermittlungsbemühungen der USA aus ihrer fünfjährigen Haft entlassen worden. Sie lebt jetzt in Berlin. Und heute wird in Aachen nicht – wie ansonsten bei den Karlspreisverleihungen – die Europahymne gespielt. Heute ist Marias Rede die alles überragende Hymne. Eine wunderbare Komposition für Europa, für Freiheit und für Humanität.