
Adieu, liebe Gisela.

Das ist eine ganz traurige, eine bestürzende Nachricht: Gisela Engeln-Müllges ist am 31. Januar gestorben. Die exzellente Mathematikerin, beliebte Hochschulprofessorin und brillante Künstlerin aus Aachen wurde 85 Jahre alt.
Gisela Engeln-Müllges! Dieser Name hatte und hat für immer Klang. Diese Frau war eine ganz und gar außergewöhnliche Persönlichkeit. Sie kam mit Selbstwusstsein, Klarheit und Haltung stets als Individuum besonderer Provenienz daher: unverwechselbar in ihrer wissenschaftlichen Kompetenz, unerreicht in ihrem auf so vielen Ebenen einfach großartigen Engagement, geradezu unbeschreiblich in ihrem so zugewandten Wesen. Sie war tatsächlich ein Universalgenie. Sie wird uns in so vielen Bereichen, Facetten, Begegnungen und Gesprächen fehlen.
Wisssenschaft und Kunst
Gisela Engeln-Müllges war eine herausragende Wissenschaftlerin und Mathematikerin, eine renommierte Autorin zahlreicher Fachbücher und eines Standardwerks der Numerischen Mathematik in mehrfacher Auflage, sie konnte auf eine Fülle von Ämtern, Auszeichnungen, Ehrungen und Berufungen verweisen. Einige seien beispielhaft genannt: seit 1982 Professorin am Fachbereich Maschinenbau der Fachhochschule Aachen, Lehrgebiet Numerische Mathematik und Datenverarbeitung; 1991 bis 2005 Prorektorin für Forschung, Entwicklung und Technologietransfer an der FH Aachen und Stellvertreterin des Rektors; 1997 bis 2003 Mitglied des Wissenschaftsrates der Bundesrepublik Deutschland, berufen von Bundespräsident Roman Herzog; 2000 bis 2004 Mitarbeit in Kommissionen der Wissenschafts- und Kultusminister Sachsen-Anhalt, Saarland, Thüringen, Niedersachsen und Rheinland-Pfalz (dort als Vorsitzende).

2005, nach der Pensionierung, blieb sie im Unruhestand. Sie wurde Vorsitzende der Expertenkommission „Standortentwicklung Jülich der FH Aachen“; war seit 2008 Mitglied des Hochschulrates der FH Aachen, Vorsitzende der Arbeitsgruppe Standortentwicklung am Campus Jülich; seit 2008 Vorsitzende des Hochschulrates der FH Münster.
Belassen wir es bei dieser posthumen Aufzählung, die als Testat für ihre wissenschaftliche Exzellenz genügen muss; denn die Tenazität, mit der Gisela Engeln-Müllges jahrzehntelang auf Wissenschaftstour war, sprach für sich und bedarf keiner weiteren Zeilen.
Sie und die FH
Gisela Engeln-Müllges hat die Entwicklung und das Wachstum der FH Aachen über ein Vierteljahrhundert geprägt und nachhaltige Spuren hinterlassen. An der FH und in Medien nannte man sie „Turbo-Gisela“, kurz „EM“ oder auch die „Liz Taylor der Numerischen Mathematik“. Ihre Biografie spiegelt die Rasanz ihres Lebenswegs wieder: geboren am 2. März 1940 in Leipzig, aufgewachsen in der DDR, italienische Großmutter, Metzgertochter, Probleme mit dem Regime, Ausweisentzug, Arbeit als Krankenschwester und Verkäuferin, kurz vor dem Mauerbau Flucht in den Westen, Studium der Mathematik an der RWTH Aachen.
Sie war Professorin, Lehrende, Forschende, Ratgeberin, Freundin, Kollegin, Partnerin: zuletzt 20 Jahre von Benno Werth, dem ehemaligen Dekan des Fachbereichs Design und großen Künstler, der 2015 starb. Sein Tod hat Gisela Engeln-Müllges damals schwer getroffen: „Benno war für mich mein Leben, er war und ist meine große Liebe.“ Sie trat in seine Fußstapfen und verließ sie dann zugunsten eigener beeindruckender Spuren, weil sie einzigartige und bewunderte eigene Kunstwerke schuf. Sie hatte großen Erfolg mit ihren internationalen Ausstellungen. Sie zeigte ihre Werke unter anderem in Japan, USA, im Vatikan, in Florenz. Eine hohe und international bedeutende Ehre war für sie eine Auszeichnung in New York: Die Jury zeichnete sie mit dem Preis für die beste Skulptur der „ArtExpo New York 24“ aus.

Geometrische Körper, mathematisch geprägte Gestaltungen und dabei stets in der Vollkommenheit eines Gesamtkunstwerks, das durch eine spezielle Aura besticht: Die Werke dieser in vielerlei Hinsicht extraordinären Künstlerin begeistern mit ihrem Ausdruck, mit ihrer Originalität, mit ihrer Präzision. Das wertvolle Material wurde durch Gisela Engeln-Müllges in hohe Kunst verwandelt. Sie beherrschte die Techniken und die Motive, konkrete Titel wie die Abstraktion, die halbrunde Skyline wie die zur Kunst gewordene Geometrie. Diese Ästhetik in Bronze und Aluminium und in den Farben ihrer Gemälde ist Zeugnis einer Individualität, die eine geradezu einladende Dynamik entwickelt.
Das Problem mit dem Tempo
1991 schlugen die Studierenden sie für das Bundesverdienstkreuz vor, das sie später auch bekam. Das sagt viel über ihr hervorragendes Verhältnis zu den jungen Menschen. Sie selber beschrieb es so: „Ich hatte für jeden ein offenes Ohr. Kritik gab es eigentlich nur wegen meiner Geschwindigkeit.“
Geschwindigkeit hat sie stets unverdrossen vorgelegt, etwa als ehemalige Vorstandssprecherin der Initiative Aachen. Auf der Basis ihres großen Netzwerkes holte sie immer wieder renommierte Wissenschaftler nach Aachen. Zu einem Forum kamen 1200 Besucher ins Aachener Rathaus, eine schier sensationelle Zahl. Ihr Talent: Sie brachte Menschen zusammen und sie scheute keine Debatte.
Jetzt hat sie uns verlassen, ziemlich plötzlich. Sie war in meiner Erinnerung nie wirklich alt, sondern wirkte stets agil, voller Ideen und zu vielversprechenden Experimenten neigend, kreativ, unermüdlich, also: jung! „Die Jugend kennzeichnet nicht einen Lebensabschnitt, sondern eine Geisteshaltung; sie ist Ausdruck des Willens, der Vorstellungskraft und der Gefühlsintensität. Sie bedeutet Sieg des Mutes über die Mutlosigkeit, Sieg der Abenteuerlust über den Hang zur Bequemlichkeit.“ Das passt schön zu dieser ungewöhnlichen Frau. Marc Aurel hat es geschrieben. Und noch ein Satz von ihm sei zitiert: „Jung ist, wer noch staunen und sich begeistern kann.“ Wie Gisela Engeln-Müllges zeit ihres ungewöhnlichen Lebens.
Die sichtbare Exzellenz ihrer Plastiken, Skulpturen und Bilder ist die gelungene Verbindung von Wissenschaft und Kunst, von Kreativität und Können, von mathematischer Präzision und intellektuellem Ideenreichtum. Im wahrsten Sinne ein FORMAT ganz besonderer und unverwechselbarer Qualität. Das wird immer bleiben. Adieu, liebe Gisela.
Fotos: Bernd Mathieu
Ein Gedanke zu „Adieu, liebe Gisela.“
Welch großer Verlust nicht nur für Aachen. Sie war bis zuletzt aktiv und schien ewig leben zu wollen. Doch auch die großen Persönlichkeiten rafft es irgendwann dahin.
Eine traurige Nachricht.