Menschen, Momente, Maßstäbe.

Menschen, Momente, Maßstäbe.

Das Jahr geht zu Ende. Aber seine Zeit bleibt. Weil sie das Jahr überlebt und einfach ins nächste rutscht. Ob es uns gefällt oder nicht.

Die Zeitenwende.

2022 eignet sich nicht für eine zufrieden klingende Retrospektive. 2022 war in der Gesamtbilanz nicht schön, nicht gut, nicht wegweisend. Es war eine erzwungene und nicht mehr zu vermeidende Zeitenwende, weil die Weckrufe zu laut geworden waren und seit Putins gewaltigem Salto in die menschenverachtende Aggression am 24. Februar nicht mehr überhört werden durften. Die scheinbar glückseligen Jahre des einseitigen Annäherns, des Sich-täuschen-Lassens, der Illusionen waren mit einem Schlag zu Ende. Deutschland und Europa wurden jäh aus allen Träumen gerissen, und die zwischen Erschrecken und Schock verunsicherten Bürgerinnen und Bürger fragten: Wie konnte das passieren, wie konnten sich erfahrene Politprofis so irren?

Das Vermögen.

Der Krieg gegen die Ukraine hat alles verändert. Unser Denken, unser Bangen, unsere Solidarität, unsere Loyalität und die Fähigkeit zu staunen. Zu staunen über das Wunder der Sondervermögen, mal 100, mal 200 Milliarden Euro. Sie sind in Wirklichkeit Sonderschulden schwerwiegender Belastung für kommende Generationen, für die vor der Sondervermögen-Etikettierung angeblich kein Geld da war, etwa für die Renovierung maroder Schul- und Hochschulgebäude, die digitale Ausstattung oder für die angemessene Bezahlung der Lehrerinnen und Lehrer. Geld fehlte für die einsturzgefährdeten Autobahnbrücken, den Ausbau der seit Jahren ins Gerede und die Verspätung geratenen Deutschen Bahn. Und erst durch Corona ging manchen Gesundheitsexpertinnen und –experten ein Licht auf: Die Pflegekräfte müssen besser bezahlt werden, was für eine Erkenntnis! Das alles kann jetzt und in Zukunft mühelos gelöst werden. Durch ein Immer-Mehr an: Sondervermögen. Tatsächlich scheint es da keine Alternative zu geben, und den Deutschen geht es vergleichsweise noch gut dabei.

Wir kämpfen unterdessen mit zweistelligen Inflationszahlen, die explodierende Energie- und Lebensmittelpreise gnadenlos abbilden und die dank der Sondervermögen in den Gas- und Stromsektoren spürbar gebremst werden. Wie lange das gutgehen wird, wissen wir nicht. Das Infrage-Stellen alter Gewissheiten und bislang für richtig gehaltenen wirtschaftlichen Maßstäbe gestaltet den umfangreichsten Teil der Zeitenwende.

Kerzen und Waschlappen.

Wenn der Satz stimmt, dass ein Volk die Politiker hat, die es verdient, ja, dann liebe Landsleute (-und leutinnen?), müssen wir uns 2023 am Riemen reißen. Diese innere Angelegenheit der Republik wollen wir hier nicht überstrapazieren, das wäre eine unverantwortliche Förderung temporärer Depressionen und digitale Platzverschwendung, belassen wir es bei wenigen prägenden Beispielen aus diesem Jahr:

Friedrich Merz. Der teilte uns vor Weihnachten in schon fröhlicher Stimmung mit, dass er in seinem Haus im Sauerland einen Weihnachtsbaum mit echten Kerzen in die familiäre Feierlichkeit strahlen lässt. Begründung: „Allein dadurch erhöht sich die Raumtemperatur.“ Ob der CDU-Vorsitzende zu diesem Zeitpunkt an hohem Fieber litt oder ob es nur der übliche fiebrige Politeffekt war, wissen wir nicht. Fest steht: Es wird uns angesichts solcher spitzenpolitischer Erkenntnisse merzig warm ums Herz.

Winfried Kretschmann. Er dozierte in einer Mischung aus grünem Energiesparkrampfmodus und gönnerhafter Altvätersitte, wie man unnötige Energie-Orgien vermeidet: öfter den Waschlappen benutzen statt die Dusche. Wir danken für den Tipp und freuen uns, dass der gute Winfried bereits den „Orden wider den tierischen Ernst“ erhalten hat. Er macht seiner Ritter-Würde unverdrossen Ehre. Der Aachener Karnevalsverein kann stolz auf einen derart nachhaltigen Ritter sein. Darauf ein kräftiges Oche Alaaf! Das ist garantiert energie- und feinstaubfrei. Anders als die Kerzen bei Ritter-Kollege Friederich.

Ricarda Lang. Die Frau wird von missmutigen Politikbegleiterinnen und -begleitern kritisiert und sogar mit erfundenen Zitaten verhöhnt. Das ist unfair, ungerecht, unpolitisch und unangebracht. Wem bei diesen Un-Wörtern in Zusammenhang mit Frau Lang nun das Wörtchen „unfähig“ einfällt, dem sei gesagt: Man kann es so formulieren, wenn man über sie spricht, muss es aber nicht. Sie hat zwar keine Ausbildung, keinen Beruf und nicht ansatzweise die autodidaktische Fähigkeit des grünen Gottvaters Joschka Fischer, aber sie gibt sich alle Mühe, obwohl nicht jeder auf sie hört. „Niemand sollte in Katar schweigen“, sagte sie vor der Fußball-WM, und was macht die deutsche Fußballnationalmannschaft: Sie schweigt – und das demonstrativ mit vorgehaltener Hand vor dem Mund. Das war die lebhafteste Bewegung des Teams bei der WM, ein emotionaler Ausbruch vor dem sportlichen Einbruch. Und was Frau Lang angeht, so hat sie mit ihrem Lebenslauf einen prominenten römischen Kaiser auf ihrer Seite. „Akademische Bildung verringert nicht die Neigung zu Vernunftwidrigkeiten, sondern potenziert sie.“ So formulierte es einst Marcus Aurelius (121- 180).

Ein Jahr mit vielen Fragen. Weihnachtsgruß der Aachener SPD-Bundestagsabgeordneten Ye-One Rhie.

Das Fragezeichen.

Die Aachener SPD-Bundestagsabgeordnete Ye-One Rhie hat mit ihrem Weihnachtgruß die treffsicherste Überschrift für das Berliner Jahr in all seinen Facetten gesetzt. Sie verschickte eine Karte mit einem großen Fragezeichen, dem Satzzeichen des Jahres. Und kurz vor Schluss erreichte uns im Dezember die Nachricht, dass dem ukrainischen Präsidenten und seinem Volk der Karlspreis verliehen wird. Voreiliges Handeln ist selten klug. Erst recht, wenn es sich dem Druck externer Schnellverlautbarer beugt, jenen Abgeordneten des Europaparlaments, die schon für 2022 den Karlspreis für Wolodymyr Selenskyi per Unterschriftenliste gefordert, ja definitiv verlangt hatten. Sie haben nun – nach ausgiebiger Diskussion im Karlspreis-Direktorium – ihren Willen bekommen. Ein ansonsten als intelligent geltendes Mitglied dieses Gremiums nannte die Entscheidung ebenso übertrieben wie falsch „alternativlos“. Das macht einen sprachlos.

Das Mittelmaß.

2022 entwickelte bisher nicht gekannte Dynamiken und Ohnmachten, Konzepte und Ratlosigkeit, Akteure und Zögernde. Es schwankte zuweilen zwischen Menschen mit Überforderung und mit Führungsstärke, und es setzte den neuen Maßstab der gewendeten Zeit: Mittelmaß hat keine Chance mehr, nicht in Deutschland, nicht in der EU, nicht in den USA. Politik muss wieder zurück in die 1-A-Lagen der Gehirne. Dann, nur dann, ist die Krise auch eine Chance.

Das Gute und das Böse.

2022: die Ukraine. Der Krieg. Putin. Russland. Gewalt. Kriegsverbrechen. Verzweiflung. Erschöpfung. Belastete Seelen. Und Momente, die Zeichen setzen und in ihrer Klarheit für die glaubwürdigsten und schnörkellosesten Haltungen stehen. Dem Schluss gehört deshalb ein Zitat von Nadeschda Karpowa, einer russischen Fußballspielerin in Barcelona, die sicher nie mehr für die russische Nationalmannschaft spielen wird und darf. Sie schrieb öffentlich an Putin und den belarussischen Diktator Lukaschenko: „Ihr seid Faschisten. Ihr habt keinen Platz mehr in dieser Welt. Ich hoffe, ihr bekommt, was ihr verdient, denn das Gute wird immer über das Böse siegen.“ (Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 25.12.2022)

2 Gedanken zu „Menschen, Momente, Maßstäbe.

  1. Sehr geehrte Damen und Herren,

    seit 30 Jahren aus Künstlersicht: das Mittelmaß – Zitat: „Ich bitte um Überprüfung der Mittel und Anhebung des Niveaus und der Qualität.“ Zitatende – und nun viel Erfolg. Wwer ist eigentlich das Mittelmaß?

    Mit besten Grüßen
    gbB

  2. Werter Herr Mathieu,
    besser konnte man es nicht formulieren. Ich habe in meinem Alter – 74 Jahre – schon einige demokratische Regierungen in unserer Bundesrepublik mitgemacht, davon auch viele mit einem gewissen politischen Verständnis. Aber einen solchen „Hühnerhaufen“ habe ich dabei noch nicht gesehen. Wäre man in einer Schulklasse – dort würde eine solches Durcheinander aber nicht passieren – würde man die Note 6, setzen und Klasse wiederholen, vergeben!
    Das Jahr 2023 wird hoffentlich von dieser politischen Seite betrachtet besser werden als 2022. Ich wünsche uns allen auf jeden Fall ein gutes, friedliches und gerechtes Jahr 2023.

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