Rückgrat. Ein Beitrag zum Tag der Pressefreiheit (3. Mai)

Rückgrat. Ein Beitrag zum Tag der Pressefreiheit (3. Mai)

Pressefreiheit ist unentbehrlich.  Sie gehört zur Identität unserer Demokratie und unseres Lebensstils. Und: zur Selbstreflexion verantwortlicher Redakteure, Reporter und Autoren, zum verantwortlichen Umgang mit diesem hohen Gut, das wir, die Journalisten,  zuweilen etwas ruppig behandeln – weil manchmal zu schlampig recherchiert, weil gelegentlich zu skandalisierend und doch: im Grunde seriös. Mehr als nur bemüht. Und, besonders wichtig: oft richtig störend. Es ist grundsätzlich nicht verkehrt, wenn sich Journalisten nicht nur Freunde machen. Das ist Normalität, wenn man nicht im selben Boot sitzt, aber trotzdem auf demselben Fluss unterwegs ist.

Pressefreiheit ist ein Teil nicht nur unserer Kultur, sondern auch unseres sozialen Systems. Wenn Presseorgane dies ernst nehmen, dann sollten sie gerade jetzt – in tatsächlich und gefühlt unsicheren Corona-Zeiten ihre Relevanz revitalisieren im Sinne von: Kompetenzen vermitteln, Erwartungen formulieren, Respekt reklamieren, Haltung verlangen, Integration fordern und fördern. Das hat viel mit Respekt, Solidarität, Haltung, kritischer Distanz zu tun. Mit Klartext.

Pressefreiheit, kompetent und mutig praktiziert, ist ein Gegenentwurf zu rückwärtsgewandter Veränderungsangst, und im Idealfall ist sie ein regionales Korrektiv für Globalisierung und Digitalisierung. Dabei gilt immer: Konflikte sind nicht zu vermeiden. Auf alle Rücksicht zu nehmen, ist unmöglich. Jedem nach dem Mund zu reden und zu schreiben, ist eine Gefährdung von Pressefreiheit, weil sie der Willkür der Tagesmentalität erliegt. Pressefreiheit muss wach halten, manchmal sensibel, manchmal laut, manchmal beides, jedoch nie angepasst.

Pressefreiheit muss deshalb aus der Wohlfühlzone locken, sie muss der natürliche Feind von Bequemlichkeit, Oberflächlichkeit und von zivilgesellschaftlicher Enthaltung sein. Sie soll nicht „in Fresse hauen“, wie es einmal eine sozialdemokratische (Ex-)Parteivorsitzende in einem anderen Zusammenhang formulierte, sondern sie soll sagen, was ist und Leute wachrütteln, nicht alles hinzunehmen, nur auf der Tribüne zu sitzen, statt auf dem Spielfeld zu ackern: für diesen Staat, für unseren Staat. Der Philosoph und Mathematiker Nassim Nicholas Taleb beschreibt die Folgen solcher Gleichgültigkeit und Passivität so: „The most Intolerant wins: The Dictatorship of the Small Minority“, der Intoleranteste gewinnt. Die Diktatur der Minderheit. Wollen wir das? Nein, wir wollen es nicht, wir müssen etwas dagegen tun.

Autokratie als Staatsform ist längst wieder in Mode gekommen. Auch bei uns in der EU, in Polen und in Ungarn zum Beispiel. Der Umgang mit der Pressefreiheit ist ein ziemlich zuverlässiger Indikator für autokratische Systeme; Meinungsfreiheit, Kunstfreiheit und Pressefreiheit sind stets die ersten Opfer.

Wer es als Journalist mit der Pressefreiheit ernst meint, der muss sie hegen und pflegen. Der darf sie nicht mit Kinkerlitzchen, Skandalisierung, Schlagzeilensucht, eitler Ich-Bezogenheit, peinlicher Selbstdarstellung und halbgarem Kram hergelaufener und versehentlich in diesem wunderbaren Beruf gestrandeten Hallodris beschädigen. Für Journalisten, die diesen ehrenvollen Namen verdienen, sind Kompetenz und Glaubwürdigkeit nicht nur selbstverständliche Standards, sondern ständiger Anspruch und immerwährende Herausforderung – Pflicht, nicht Kür, anständige Recherche und angebrachte Fairness statt selbstverliebter literarischer Zeilenübung. Sie lassen sich nicht einlullen von oberflächlichen Aufgeregtheiten und reagieren engagiert auf Ungerechtigkeiten, Gleichgültigkeit, Gedankenlosigkeit und Wichtigtuerei – vor allem der vermeintlich und meist nur scheinbar Großen, Wichtigen, Honorigen.

Gesprächsoffenheit, Konfliktlösungspotenzial und die Akzeptanz verschiedener Meinungen und Richtungen prägen ein seriöses journalistisches Leben. Dazu gehören unbedingt Gradlinigkeit und Rückgrat – und eine gewisse Belastungsfähigkeit das auszuhalten: den Widerspruch, den Konflikt, die Beschimpfung, die unmittelbare und die mittelbare, etwa über Social Media. Journalisten arbeiten mit offenem Visier: mit ihrem Namen, immer presserechtlich verantwortlich, nicht anonym, nicht feige. Das macht eine permanente, nie unterbrochene, nie angekratzte Glaubwürdigkeit aus, also den Idealfall journalistischer Kompetenz und journalistischen Anstands.

Pressefreiheit zu leben, heißt, alles, was wir zu wissen glauben, in Frage zu stellen und in der Recherche noch mal von vorne anfangen zu können, wenn es denn nötig wird. Der legendäre Chefredakteur des „Berliner Tageblatt“, Theodor Wolff, hat diese gesunde Skepsis nachhaltig so formuliert: „So schwebt über jeder Wahrheit noch ein letztes Vielleicht.“ Auch deshalb noch einmal: Zeitungen sind keine Konsensmaschinen.

Zu unserem Selbstverständnis muss es dabei noch viel stärker  gehören, den Irrtum beim Namen zu nennen, wenn wir uns geirrt haben, und wenn wir etwas Falsches behauptet haben, zu unseren Fehlern zu stehen. Das wäre ein zusätzlicher Beitrag im Kampf gegen die post-truth society, in der Fakes häufig eine höhere Glaubwürdigkeit besitzen als die Wahrheit, wie wir es vor allem im amerikanischen Wahlkampf beobachten mussten. Das Prinzip Zeitung ist das Prinzip Verantwortung. Das ist Relevanz, das ist Qualität des Inhalts. Das ist nicht altmodisch, und das ist auch kein Abbruchunternehmen, das ist keine sterbende Branche. Deutschland ist unangefochten der größte Zeitungsmarkt in Europa, der fünftgrößte in der Welt. Mit Print und Digital gemeinsam erreichen die deutschen Zeitungsverlage 85 Prozent der Bürgerinnen und Bürger über 14 Jahren. Das sind täglich rund 60 Millionen Menschen. Die Reichweiten sind, online sei Dank, höher denn je.

Die neu entstandene Boom-Society produziert längst unermesslich großen neuen Reichtum und eine andere Kultur, sie interessiert sich vornehmlich für Umsätze, Gewinne, Verluste, Anlagen, für Hochglanz und Party. Immer mehr in unserer Gesellschaft haben das Gefühl, es komme auf sie nicht mehr an. Es ist die Glaubwürdigkeitskrise der Politik, der Wirtschaft, der Medien und der Kirchen, der Institutionen vom Unternehmerband bis zur Gewerkschaft. Der Kasseler Soziologe Heinz Bude schreibt dazu: „Wir haben in Deutschland einen Bruch zu konstatieren zwischen denen, die in der Welt der Chancen leben, und denen, die sich in die Welt des Ausschlusses geworfen sehen.“ Siehe auch Corona: manche genießen die Entschleunigung, andere haben Existenzangst.

Presse hat viel zu tun. Pressefreiheit ist die Garantie dafür. Sie ist ein europäischer Wert. Und wo Pressefreiheit beschädigt wird, wo sie eingesperrt wird, wo sie malträtiert wird, da müssen wir Zeichen setzen.

 

Ein Gedanke zu „Rückgrat. Ein Beitrag zum Tag der Pressefreiheit (3. Mai)

  1. Wieder ein herausragender Kommentar. Wenn genau so Journalismus praktiziert wird, ist mir um die Glaubwürdigkeit und Akzeptanz der Presse nicht bange! Hoffentlich lesen auch Journalisten diesen wichtigen Kommentar von Bernd Mathieu.

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