Wahlprogramme: anspruchsvoll und kaum gelesen.

Wahlprogramme: anspruchsvoll und kaum gelesen.

Richtig: Morgen wählen wir nicht direkt die nächste Kanzlerin oder den Kanzler, sondern den Bundestag. Jenes Parlament, das während Corona seine Kompetenzen, Zuständigkeiten und seine demokratische Streitkultur vernachlässigt hat. Aber sind wir ehrlich: So einfach ist das nicht mit dem Ausblenden der drei Grazien Baerbock, Laschet, Scholz.

Wesentliche Themen stehen unterdessen tatsächlich in den kaum wahrgenommenen Wahlprogrammen und sind uneingeschränkt lesenswert.  Es gibt da manche positive Überraschung, manche anspruchsvolle Vision, manchen konkreten Plan, manches ernstgemeinte Versprechen. Und man findet spannende Punkte für unsere Zukunft.

Stichworte sind hier etwa die digitale Souveränität in Deutschland und Europa, die erstklassige Ausstattung unserer Schulen, die bessere Koordinierung des Unterrichts, zum Beispiel mit Lehr- und Lernmaterialien für ganzheitliche Bildung. Da ist auch die Rede von digitalem Lernen als Persönlichkeitsbildung und Förderung sozialer Kompetenzen, es geht um frühkindliche Bildung und einen Digitalpakt für die Kinder- und Jugendhilfe. Was für wichtige, gute Themen! Wahlkampf: Fehlanzeige. Weitere Themenbeispiele gibt es zur Genüge.

Im Beiwagen des knatternden Mainstreams haben sich die Spitzenkandidaten aber kaum getraut, offen und ehrlich über die Zukunft unserer Gesellschaft und die Inhalte ihrer eigenen Programme zu diskutieren. Jeder Ansatz von Streitkultur wurde – oft mit öffentlich-rechtlichem Segen – weggewischt mit Oberflächlichkeiten, die in dieser seltsamen Dramaturgie plötzlich eine lachende Hauptrolle spielten. Warum ein veritabler Ministerpräsident beim Besuch von Flutopfern nicht neben dem Bundespräsidenten stehen bleibt, während der zu den Menschen redet, bleibt sein Rätsel. Ein paar Meter hinter ihm aus welchem unerklärlichen Grund auch immer zu lachen, war wahrscheinlich harmlos, aber passt nicht in die ungnädige, nichts verzeihende Social-Media-Welt.

Wer sich die rasante Entwicklung der Umfragen ansieht, weiß, dass es von da an rapide bergab ging auf der Beliebtheitsskala. So sind Wahlkämpfe anno 2021. Wer zudem jedes Wort auf die Social-Media-Waage legt, traut sich nichts mehr. Es ist keine Goldwaage, sondern zu häufig ein Konglomerat aus Unterstellung, Verunglimpfung, Hetze, aus Manipulation des Weglassens, Verkürzens und Verdrehens. Noch nie wurde Kandidatinnen und Kandidaten so hemmungslos das Wort im Mund herumgedreht wie im sogenannten sozialen Medium.

Der Wahlkampf war insgesamt zu anspruchslos, zu ambitionslos und letztlich zu ratlos. Nach 16 Jahren Merkel-Ära hätte man sich bei diesem für unsere Republik duchaus historischen Wechsel mehr Mut, mehr anspruchsvolle Debatte, mehr Klartext gewünscht. Aber sagen, was ist und sein wird, scheint zu vielen viel zu gefährlich zu sein. Es wäre wirklich spannend und innovativ gewesen, die Verabredung zur Langeweile zu durchbrechen und die ermüdenden Endlosschleifen vor allem öffentlich-rechtlicher Provenienz zu konterkarieren. Dieser Wahlkampf war eine verpasste Chance.

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