Der Mai ist gekommen

Der Mai ist gekommen

Ja, klar ist das traurig. Schon wieder gab es keinen Tanz in den Mai. Die Pandemie begleitet uns unverdrossen auch in diesen sonst so schönen Monat. Der Mai ist gekommen, und das Virus bleibt. „Wie die Wolken dort wandern am himmlischen Zelt, so steht auch mir der Sinn in die weite, weite Welt.“ So heißt es weiter in dem Text von Emanuel Geibel. Wie aktuell er heute am 1. Mai ist!

Lockdown, Schnelltests, Quarantäne, Grenzschließungen, Inzidenzzahlen, Kontaktreduzierung, Impfzentren, Querdenker, Ausgangssperre – ein völlig neues Vokabular hat unsere Alltagssprache erobert. Die Einschränkungen individueller Freiheiten sind ein herausfordernder Stresstest, der für eine liberale Gesellschaft nur schwer zu ertragen ist.

Die eingeschränkte Freiheit

John Stuart Mill, britischer Philosoph, Ökonom und Politiker, hat die bürgerliche Freiheit als „ersten und stärksten Wunsch der menschlichen Natur“ beschrieben. Darauf müsse jedes staatliche und gesellschaftliche Handeln ausgerichtet sein. Und doch hat er auch die Einschränkung nicht ausgelassen, die es geben dürfe und müsse, um sich selbst oder eine andere Person zu schützen. Darum geht es auch jetzt bei der Frage, welche eingeschränkten oder ganz gestrichenen Rechte Geimpfte und Genesene wieder wahrnehmen dürfen. Versachlichung in Mills Geist täte der Debatte gut.

Was wird mit unserer Gesellschaft geschehen – nach der Pandemie, nach den Schließungen des Einzelhandels, nach den Belastungen in den Krankenhäusern und in den Heimen? Wie werden unsere Kinder und Jugendlichen die Krise verkraftet haben? Wie verändert sich die Wirtschaft? Welche Rolle spielt die Wissenschaft? Und wer lenkt die Politik wieder in ein unaufgeregtes und souveränes Fahrwasser?

Was auf dem Spiel steht

Das sind Fragen, auf die es noch keine Antworten gibt. Nicht mal auf jene, die es schon vor der Krise gab und die viel zu tun haben mit dem schon damals vorhandenen Abstieg der alten Mittelschichten, den fehlenden Wohnungen, den zu hohen Mieten, der erschreckend schwachen deutschen Digitalisierung. Der Staat wird das nicht alles schnell regeln können, und die Verwerfungen werden deshalb nicht von heute auf morgen verschwunden sein.

Letztlich und vor allem geht es im Jahr der Bundestagswahl auch darum, die soziale Marktwirtschaft zu retten beziehungsweise wieder zu etablieren. Wenn das nicht gelingt, bleibt der Zusammenhalt unserer Gesellschaft dauerhaft gefährdet. Und dann geht es nicht nur um ein paar maskenlos demonstrierende Querdenker.

Wahrscheinlich steht mehr auf dem Spiel, als manche in ihrer verständlichen aktuellen Sorge oder sogar Verärgerung über Lockdown etc. ohnehin befürchten: Wir haben uns trotz Globalisierung und sich auf diesem Parkett rücksichtslos ausbreitendem Kapitalismus Freiheiten erhalten, die es zu verteidigen gilt: unsere Demokratie, unseren Rechtsstaat, letztlich unseren Lebensstil, unseren Alltag.

Und was werden wir mitnehmen aus dieser Krise – Entschleunigung, Wertschätzung, Solidarität? Schön wär’s, endlich zu wissen, was wirklich wichtig ist! Und danach zu leben.

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