Die Queen, der Prinz, ein Lächeln

Die Queen, der Prinz, ein Lächeln

Prinz Philip wird am heutigen Samstag beigesetzt. In der St.-George’s-Kapelle von Schloss Windsor findet die Trauerfeier statt. Ich habe den Herzog von Edinburgh – und die Queen – einmal getroffen, am 4. November 2004 beim Staatsbesuch in Deutschland, der das Königspaar auch nach Düsseldorf führte. Der damalige NRW-Ministerpräsident Peer Steinbrück hatte eingeladen, am Mittagessen mit den Staatsgästen teilzunehmen. Erinnerungen an einen ganz besonderen Tag. Und: Adieu, Your Royal Highness.

Einfach hinfahren und sich an den Tisch setzen, das geht natürlich nicht. Das Protokoll des Landes Nordrhein-Westfalen gibt vorab detaillierte schriftliche Hinweise zum Verhalten der Gäste. Auszüge:

„Nach einem kurzen Apéritif ist der Beginn des Mittagessens für 13.50 Uhr vorgesehen. Die Gäste werden gebeten, sich unmittelbar vorher an ihre Tische zu begeben, jedoch erst Platz zu nehmen, nachdem I.M. die Königin ihren Platz eingenommen hat.“

„Anrede für die Königin: Your Majesty (bei der ersten Ansprache) und Ma’am (im folgenden Gespräch), Anrede für den Herzog von Edinburgh: Your Royal Highness (bei der ersten Ansprache) und Sir (im weiteren Gespräch).“

„Ein vorzeitiges Verlassen des Mittagessens vor I.M. der Königin ist nicht möglich.“

„Die Gäste werden gebeten, sich von ihren Plätzen zu erheben, wenn die Königin ihren Tisch nach dem Ende des Mittagessens verlässt.“

Also, dann, es kann losgehen! Das Protokoll des Mittags.

„Beige, wie nett sie heute aussieht.“ Und das extra für uns. Die in Nordrhein-Westfalen lebende britische Lady ist – in aller gebotenen Zurückhaltung – geradezu entzückt über die aktuelle Kleiderauswahl der Königin. Die Queen entsteigt dem dunkelroten Bentley, und auch Ministerpräsident Peer Steinbrück gibt die Teilmenge eines Lächelns frei.

Elizabeth II. schreitet über den roten Teppich ins Ständehaus. Der ehemalige Landtag bildet die Kulisse für das Mittagessen mit etwa 250 Gästen aus Nordrhein-Westfalen. Niemand klatscht zum Beifall in die Hände, als die Queen zu ihrem Tisch mit der Nummer 1 geht. Es ist still wie bei einer Meditation. Seltsam still. Ich frage meinen Tischnachbarn, wie sich eine solche Szene in England abspielen würde. Martin McCourt, Chef der Dyson-Elektronik, die Staubsauger, Waschmaschinen und andere nützliche Dinge des Alltags produziert, antwortet mit der Diplomatie eines Briten: „In England applaudiert man, aber die Deutschen sind wohl etwas unsicher.“ Das wird sich später ändern!

Links Martin McCourt, rechts Frau White, meine Tischdame. Sie ist mit dem PR-Chef von „Vodafone“ verheiratet. Er gehört zur offiziellen Delegation. Zwischen der Vorspeise („Zanderfilet mit Schwarzbrotkruste auf grünem Bohnensalat und Düsseldorfer Senfsauce“) will sie unbedingt wissen, wie und was die Deutschen über die Königin denken. Als Experte royaler Analysen erzähle ich, wie beliebt die Königin in Deutschland sei – und überhaupt: Die Stories aus dem Buckingham-Palast hätten ja nun schon seit Jahren höchsten Unterhaltungswert.

Diese bürgerliche Offenheit kommt an. So erfahre ich unverhofft, dass es sogar schon einen Vorführtermin mit einem brandneuen Staubsaugermodell im Buckingham-Palast bei der Queen persönlich gegeben hat. Spontan hat sie forsch zugepackt und demonstriert, dass sie richtig arbeiten kann. Da wird allen Gerüchten zum Trotz nichts unter den Teppich gekehrt.

Achtung, Tischrede! Peer Steinbrück spricht im perfekten Englisch auf eine für einen gebürtigen Norddeutschen betont launige Art. Seine Rede ist fast schon eine Liebeserklärung an Großbritannien. Steinbrück erwähnt den britischen Gemeinsinn, den Pragmatismus, den Humor und den Regen in Wimbledon während seines jüngsten Besuches dort. Die Queen lächelt. Endlich. Das ist perfekt gelungen.

Serviert wird nun „Rheinischer Sauerbraten mit Spitzköpfchen und Kartoffelkloß“. Mein Nachbar fragt zu meiner Überraschung, warum es keinen Rotkohl gebe und ob das Pferdefleisch sei. Der Reihe nach, bitte. Also: „Den Rotkohl gibt es wahrscheinlich mit Rücksicht auf die britischen Gäste nicht. Das ist eben ein rheinisch-britischer Kompromiss.“ Das quittiert er zustimmend mit der Bemerkung: „Eine sehr gelungene diplomatische Antwort.“ Pferd? „Natürlich nicht, und das sollten Sie jemanden aus Aachen sowieso niemals fragen.“

Prinz Philip amused

Schon sind wir beim CHIO, dem Stadion, der Alemannia, Karl dem Großen. Aachen-Marketing mitten in Düsseldorf. Ich bin sehr zufrieden. Nach dem Dessert („Armer Ritter mit Preiselbeeren und geeistem Altbier-Schaum“) folgt eine Modenschau der Designer Anja Gockel, DAKS und Unrath & Strano. Der ehemalige Nordirland- und Handelsminister wird mir nachher erzählen, was ich jetzt schon amüsiert beobachte: Prinz Philip gefällt der Aufgalopp der schlanken Models sichtbar deutlich besser als der Queen.

Dann erhebt sich die Königin von ihrem Platz. Das tun auch wir, ordnungsgemäß, weil in dem Anschreiben zur Einladung ja klipp und klar steht: „Die Gäste werden gebeten, sich von ihren Plätzen zu erheben, wenn die Königin ihren Tisch nach dem Ende des Mittagessens verlässt.“ Martin McCourt und ich schauen uns kurz an. Dann klatschen wir in die Hände. Und alle anderen auch. Na bitte, geht doch!

Und was bleibt, heute, fast 17 Jahre danach? Ganz gewiss ein Lächeln für den smarten Philip – und Respekt vor seiner schwierigen und anspruchsvollen Rolle, ja seinem Lebenswerk neben, hinter und vor allem mit der Queen.

RETROspektive-Motiv: Emil Ciocoiu: Zeitungsausschnitt: Aachener Zeitung vom 5.11.2004

 

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