Regieren statt talken

Regieren statt talken

Was hat die Union vorbereitet, geplant, welche Strategie ist vorhanden, welches moderne Programm beraten und schließlich formuliert worden? Dass es ausgerechnet während der größten Pandemie-Krise offensichtlich zunächst nur um die Frage Laschet oder Söder geht, ist nicht nur dürftig, sondern peinlich. Sieht so 2021 der Anspruch der noch regierenden Christlich-Demokratischen Union Deutschlands aus?

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Die beiden Kanzlerkandidatenaspiranten, die designierten Merkel-Thronfolger, die Landesfürsten aus Bayern und NRW haben es leider nicht geschafft, ihr vollmundiges Versprechen zu halten: in Harmonie und deshalb einvernehmlich die Frage zu klären. Sie haben sich stattdessen ohne Führerschein in zwei aufeinander zurollende Züge gesetzt – ohne Rücksicht auf ihre Partei, auf unser Land und letztlich auf ihre eigenen Chancen. Wer so handelt, schwächt nicht nur die Union, sondern macht Grüne, FDP und leider völlig unnötig auch die AfD stark.

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Den Auftritt in der CDU/CSU-Bundestagsfraktion hätte man vor wenigen Tagen so gar nicht vermutet. Dass jetzt die gegenseitige herzliche bayerisch-rheinische Abneigung derart massiv ausbricht, verrät nicht nur die allseits zitierte Nervosität der Kombattanten, sondern auch eine nicht mehr vorhandene Gelassenheit, Geduld und Souveränität. Ein derart ungeordnetes, ja chaotisches Verfahren gehört gewiss nicht zu den Empfehlungen für einen Regierungschef.

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Geht es um Umfragen, wie uns Markus Söder weismachen will? Hat ihn sein Erinnerungsvermögen verlassen? Verdrängt er die miserablen Umfragewerte für Helmut Kohl, der lange als „Weinkönig aus der Provinz“ belächelt wurde, der nach dem erfolgreichen Misstrauensvotum im Oktober 1982 im Wahlkampf von der Opposition als schnell wieder abzuwählender „Winterkanzler“ bespöttelt wurde und bei der Wahl Im März 1983 fast 49 Prozent der Stimmen für die Union gewann? Hat er vergessen, wie Angela Merkel als zu leicht befunden und 2002 vom viel zu ehrgeizigen und letztlich erfolglosen CSU-Chef Edmund Stoiber verdrängt wurde? Ist ihm nicht mehr bewusst, wie zielorientiert Merkel 2005 die Chance ergriff und mit der SPD Gerhard Schröder ablöste? Und was dann folgte!

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Das Unterschätzen angeblich Unfähiger hat in der Union Tradition, und in Vollendung präsentiert hat dieses miese Theaterstück Franz Josef Strauß mit seinen maßlosen Tiraden gegen Helmut Kohl. Auch Söder hält Laschet, seinen lieben Freund Armin, für unfähig. Daran stimmt, dass Armin Laschet tatsächlich unfähig war, den Zweikampf mit Söder mit einer erfolgreichen Strategie zu strukturieren.

Und die findet nicht in Talkshows statt, sondern im Regieren, im vernünftigen Ausstatten der Schulen jetzt während Corona, in Impfzentren, die Bürgerinnen und Bürger als Kunden und nicht als Bittsteller behandeln, mit einer Politik, die Kultur nicht auf dem Altar der Pandemie opfert, sondern mit einem vernünftigen Hygiene- und Logistik-Konzept eine wirkliche Chance gibt, die sich mit dem Einzelhandel und der Gastronomie an einen Tisch setzt und die legendären Ministerpräsidenten-Konferenzen konkret vorbereitet: mit Ideen, mit Fakten, mit einem Beraterstab aus richtigen Experten verschiedener Provenienzen. Das hätte mehr gebracht, als jeder Talkshow-Auftritt bei Lanz, Maischberger & Co.

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Hätte, hätte! Die Union muss nun aufpassen, dass sie im September nicht in diesen Konjunktiv verfallen muss: im traurigen Rückblick auf verpasste Chancen und eine Wahlniederlage.

 

 

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