Der Büchel. 25000 Tonnen Schutt.

Der Büchel. 25000 Tonnen Schutt.

Geh in die Mefferdatisstraße. Schau dich um. Zum Beispiel mit einem Blick auf die Rückfront des Büchel-Parkhauses. Des ehemaligen, aber immer noch nicht ausrangierten. Du starrst auf die Tristesse grauen Innenstadt-Alltags. in bester Lage. Du spürst den Stillstand kommunalpolitischen Versagens. Du empfindest den Hauch eines urbanen Fallbeils. Und du weißt, vielleicht: Bald ist es vorbei; denn endlich wird in Aachen mal richtig viel Staub aufgewirbelt. 25000 Tonnen Schutt.

Die Rückfront des Büchel-Parkhauses an der Meffredatisstraße: Ansichten maroder TGristesse - völlig ohne Charme...

 Mefferdatisstraße 16-18: Christoph Vogt lacht laut und ziemlich lange, als ich ihn im Büro der SEGA (Stadt- und Entwicklungsgesellschaft Aachen) frage, ob er von Saarbrücken nach Aachen gekommen sei, weil er an zu niedrigem Blutdruck leide. Nein, versichert er. Er sei halt „Überzeugungstäter“. Für den Büchel und seine Zukunft ist das keine schlechte Voraussetzung. Vogt hat am 1. Oktober die Herausforderung angenommen, den Stillstand zu beenden und Bewegung in diesen extraordinären halben Hektar der Stadtmitte zu bringen. „Ein spannender Prozess“, sagt er.

In Saarbrücken hat er fast 20 Jahre bei der Gesellschaft für Innovation und Unternehmensförderung gearbeitet. Der 55-Jährige weiß also wahrscheinlich, worauf er sich eingelassen hat. Der halbe Hektar umfasst das Areal des Büchel-Parkhauses. Drei „W“ stehen für die Pläne der Auferstehung: Wiese, Wohnen, Wissen. Das ist schnell erklärt. Christoph Vogt: „Wiese meint öffentliche Freiflächen und –räume, eine sinnvolle Nutzung zwischen den Gebäuden; Wohnen spielt eine zentrale Rolle; Wissen steht für Bildung in einem noch offenen Prozess.“ Den Wissensbaustein sieht Vogt „eher in eine ökologische Richtung“.

Das Büchel-Parkhaus: bald 25.000 Tonnen Schutt.
Das Büchel-Parkhaus: bald 25.000 Tonnen Schutt.

Drei Planungsteams entwickeln Ideen für den neuen Büchel. Und Prokurist Christoph Guth (30), der aus dem Finanzressort der Aachener Stadtverwaltung kommt, ergänzt, dass die entstehenden Projekte „noch nicht ganz klar“ seien.  Der Zeitplan, den es jetzt wirklich gibt, sieht aber konkrete Schritte vor. 2021 wird das Jahr, in dem die planenden und investierenden Akteure ihre Nutzungsvorschläge auf den Tisch legen werden. Aus den Planungsteams heraus werden die beabsichtigten Interessen nun städtebaulich definiert, und 2022 soll auf dieser Basis der Einstieg in ein strukturiertes Vergabeverfahren erfolgen. Christoph Guth: „Wir denken in diesen Bausteinen, und an den Finanzen wird das nicht scheitern, auch wenn wir die Finanzierbarkeit natürlich im Blick haben müssen. Die Stadt hat sich jetzt entschlossen, viel Geld in die Hand zu nehmen.“

Christoph Vogt, GHeschäftsführer der SEGA
Christoph Vogt, Geschäftsführer der SEGA

Und was entsteht auf dem Parkhaus-Gelände? „Im Idealfall gibt es einen städtischen Nutzungsmix in einem kleinen Quartier, in dem auch hochwertige Freiflächen entstehen, die ebenfalls in den Abendstunden genutzt werden können, kurzum ein Mix aus Baukörpern und Flächen, die der Stadtgesellschaft unmittelbar zugutekommen.“ Das können Bildungsreinrichtungen sein, das kann die Hochschule(n) und andere Institute betreffen und ein – noch Arbeitstitel – „Haus der Bürgerschaft“. Unterschiedliche Formate sollen möglich sein: Veranstaltungen, Ausstellungen, Kultur, kleinere Konzerte, Podien…

Vogt betont mehrfach, dass die SEGA nur für das Parkhaus-Gelände zuständig sei, nicht aber für angrenzende Areale, die nicht im Besitz der Stadt Aachen sind. Auf den eigenen Flächen ist die Stadt handlungsfähig. „Wo wir die Lufthoheit haben, da wird etwas passieren.“ Vogt und Guth sehen in ihrer Verantwortung aber zweifellos die Notwendigkeit, das Zusammenspiel mit dem gesamten historischen Altstadtkern zwischen Dom, Rathaus und Büchel. Die SEGA ist mit potenziellen Investoren in intensiven Gesprächen. Vogt: „Das sind Leute, Vereine, Firmen, Institutionen, für die dieser Standort attraktiv ist.“ Es gibt offensichtlich mehr Interessenten und Ideen als auf dem halben Hektar Platz finden könnten. Man versucht deshalb schon jetzt, verschiedene Interessenten zusammenzubringen. Das ist Punkt 1 auf der Agenda.

Punkt 2 betrifft die Arbeit der Planungsteams, die aus externen Büros und der Stadtverwaltung gebildet wurden bzw. werden. Hier geht es dann schon sehr detailliert um den Städtebau auf planerischer Ebene. Und Punkt 3 soll im Frühjahr folgen: der Abbruch des maroden Parkhauses. 25.000 Tonnen Schutt müssen entsorgt werden, das sind über 1000 Lkw-Ladungen, zeitlich verteilt in der Hochphase auf 20 Lkw pro Tag.

Eine gewisse herausforderung: die Antoniusstraße bleibt. sozusagen zweckgebunden.
Eine gewisse Herausforderung: die Antoniusstraße bleibt auch im neuen Büchel-Quartier – sozusagen zweckgebunden.

Herr Vogt, waren Sie überrascht, dass hier so viele Jahre lang nichts geschehen ist? „Jede größere Stadt hat ein Projekt, wo jahrzehntelang immer wieder neu nachgedacht wird. Aber an einer so zentralen Stelle wie am Büchel ist das schon etwas Besonderes.“ Und das Laufhaus, die Prostitution mitten im Viertel? „Ich war überrascht, als ich hörte, dass es im Stadtrat eine so große Mehrheit dafür gegeben hat. Eine so klare Positionierung kenne ich aus keiner anderen Stadt.“ Da er in seinem „bisherigen Leben mit Prostitution nichts zu tun hatte“, fragte er nach. Und dann habe er es so verstanden: „Die Form der Prostitution in der Antoniusstraße ist vergleichsweise sozial verträglich.“ Es sei eine mutige und wohl auch richtige Entscheidung, aus der Sicht des Stadtplaners immerhin „eine Herausforderung“.

Das Umfeld außerhalb der Antoniusstraße spielt natürlich ebenfalls eine Rolle. Vogt nennt als Beispiel das ehemalige Kaufhaus „Lust for Life“ in unmittelbarer Nachbarschaft, die Entwicklung der Mefferdatisstraße, die Wege-Verbindungen, die attraktiv gestaltet werden müssten. Mit aller Vorsicht formuliert, prognostizieren Vogt und Guth den Baubeginn für 2023 und den Einzug ab 2025, spätestens 2026. Mit Gewerbetreibenden im Büchel-Quartier hat Christoph Vogt gesprochen. Sie haben weniger Angst vor dem Staub beim Abbruch, sondern vor weiteren Verzögerungen. Ein Einzelhändler hat es auf den Punkt gebracht: „Herr Vogt, Sie sind nicht von hier. Solange da nicht der erste Bagger steht und loslegt, glaube ich gar nichts.“

Fotos: media-mathieu; im Print erschienen im Stadtmagazin BAD AACHEN, Ausgabe Januar 2021

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