Behaltet Eure Jugend im Blick! Das Dilemma der EU.

Behaltet Eure Jugend im Blick! Das Dilemma der EU.

Die Arbeitslosenzahlen sind im Dezember gestiegen – im Vergleich zum Vorjahresmonat um 480.000 auf 2,707 Millionen. Das ist nicht schön, aber wegen der Pandemie und den damit verbundenen Lockdowns natürlich nachvollziehbar.

Es ist kein Trost für die Menschen ohne Job, wenn man ihnen sagt, dass Deutschland im europäischen Vergleich relativ „gut“ da steht – an fünftletzter Stelle von 27 Staaten. Hinter Deutschland liegen Tschechien, Polen, Malta und die Niederlande.

Besonders Besorgnis erregend ist nach wie vor und jetzt verschärft die Jugenderwerbslosenquote. Sie betrug in der EU (schon ohne Großbritannien) im Oktober 2020 rund 17,5 Prozent und war damit mehr als doppelt so hoch wie im Durchschnitt aller Erwerbstätigen in der EU. Das ist das wirklich Erschreckende und beweist: Vielen, zu vielen jungen Menschen in der EU geht es nicht gut. Das müsste für die europäische Politik eine ganz besondere Herausforderung sein. Behaltet Eure Jugend im Blick! Gerade in der Pandemie. Gerade jetzt. Gerade bei uns – in Europa. Das hat mit Werten zu tun und vor allem mit Fakten, weniger mit schönen Sonntagsreden und unverbindlichen Erklärungen. Hier sind alle Nationalstaaten – sozusagen „vor Ort“ – gefragt.

Die niedrigsten Quoten verzeichneten Deutschland mit 6,0 Prozent und Tschechien mit 7,9 Prozent. Am höchsten waren die Anteile weiterhin in Spanien (40,4 Prozent), Griechenland (39,3 Prozent) und Italien (30,3 Prozent). (Quelle: Statistisches Bundesamt, Stand: Oktober 2020)

Geert Mak
Ein bemerkenswertes und aktuelles Buch.

Mir fiel heute eine bemerkenswerte Passage im insgesamt bemerkenswerten aktuellen Buch „Große Erwartungen – auf den Spuren des europäischen Traums“ von Geert Mak, einem der bekanntesten Publizisten der Niederlande, auf. Er schreibt (S. 612): „Jungen Menschen vor allem in Südeuropa droht erneut Arbeitslosigkeit ohne Aussicht auf eine Besserung der Lage, auf ein normales Leben. Das wird zwangsläufig politische Folgen haben. Hoffnungslosigkeit und Verbitterung waren dort ohnehin schon weit verbreitet. Bereits jetzt sind in Spanien radikale Parteien wie Podemos (links) und Vox (rechts) dank junger Wähler im Aufwind, und das Gleiche gilt für Italien: Fast die Hälfte der Wähler zwischen 25 und 34 hat sich zuletzt für Matteo Salvinis Liga entschieden.“

Das trifft den Kern, den Kern, der uns beunruhigen muss. Und über den derzeit so gut wie kein europäischer Politiker überhaupt ein Wort verliert. Mak zählt in seiner Krisen-Analyse Europas weitere für unsere Zukunft relevante Punkte auf. Er nennt den Klimawandel „gnadenlos“ Er schreibt von einer „tiefen internationalen Systemkrise“. „Die EU und die NATO waren bereits vor der Pandemie in keinem allzu guten Zustand.“ Und: „Der Nationalstaat erscheint vielen wieder als sicherer Hafen. Den in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit solcher Mühe geschaffenen internationalen Organisationen und Zusammenschlüssen, von der WHO bis zu EU, stehen schwere Zeiten bevor.“

Immer häufiger sei von einem Paradigmenwechsel die Rede, von einem grundlegenden Wandel unserer Art zu denken und zu leben. Mak erinnert an den amerikanisch-ungarischen Historiker John Lukacs, einen seiner Lehrmeister, der „meinte bereits vor einem Vierteljahrhundert, das 20. Jahrhundert könne unter Umständen die Endphase von fünf Jahrhunderten bürgerlicher Kultur, europäischer Aufklärung und Demokratie sein. Zum ersten Mal befürchte ich, dass mein alter Freund recht bekommen könnte … Es ist, als würden wir die Proben zu einem neuen Theaterstück sehen. Sie haben gerade erst begonnen, wir verfolgen die ersten Szenen, und die Darsteller bewegen sich noch etwas unsicher. Wovon das Stück handelt und wie es enden wird, niemand weiß es.“

Wird doch alles gut? Noch ist es nicht zu spät. Aber dann muss sich sehr viel ändern. Nicht nur in der EU-Hauptstadt Brüssel. An erster Stelle steht die Erkenntis. Die ist da und gar nicht zu leugnen. Und an zweiter Stelle folgt das Handeln. Da besteht großer Nachholbedarf, um den eklatanten Mangel an Weitsicht und Verantwortung zu beseitigen.

Geert Mak, Große Erwartungen, Siedler-Verlag, 640 Seiten, 38 Euro

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