Unser schönes Jammertal

Unser schönes Jammertal

Und es wird weiter gejammert. Über die Mehrwertsteuersenkung, die nicht ausreiche. Über die nicht beschlossene Kaufprämie für die auf Lager stehenden Verbrennungsmotoren. Am Ende auch wieder über Angela Merkel.

Loben wir sie und andere doch mal! Sind wir froh, dass wir eine kluge, abwägende, besonnene Regierungschefin haben und keine hektische, sich selbst inszenierende, eine Bundeskanzlerin, die menschlich ist und deshalb schon einmal Fehler macht, aber die in der „Gesamtnote“ derzeit ein hervorragendes Zeugnis verdient hat.

Loben wir doch mal die SPD-Vorsitzende Saskia Esken. Sie ist seit ihrer Wahl zur Parteichefin massiv kritisiert und zuweilen verhöhnt worden. Manche haften ihr das Etikett der Fehlbesetzung an. Und jetzt, in dieser Woche? Ohne sie hätte es dieses mutige Konjunkturpaket nicht gegeben. Ohne sie hätte diese große Koalition nicht funktioniert und eine Art Wiederbelebung konstatieren dürfen.

Loben wir mal diese ungeliebte Koalition aus CDU, SPD und CSU. Und ihre Protagonisten, Merkel und Scholz. Und zu ihnen gehört ganz eindeutig die Ministerriege der viel gescholtenen SPD, die großen Anteil an den jetzt nötigen und gleichzeitig durchaus risikoreichen Entscheidungen hat. Dazu zählen Entscheidungskompetenz, Verantwortungsbewusstsein und gewiss auch Mut.

Loben wir also die Stärke, die manchmal zunächst im Verborgenen bleibt, aber da auch gut aufgehoben ist, statt auf der geschwätzigen Bühne des Hauptstadt-Zirkus zu jonglieren. Ohne Esken und die SPD hätte es die umstrittene Kaufprämie für die Verbrennungsmotoren gegeben. Sie hat das abgelehnt – gegen den Willen ihres Parteifreunds Stephan Weil, gegen Winfried Kretschmann und gegen Peter Altmaier. Und mit Merkels politischem Segen.

Loben wir diese Kraft der Auseinandersetzung, der Debatte, der Streitkultur und der Kompromissfähigkeit! Und wer das im Jammertal der Bedenkenträger nicht aushält, dem sei in dieser Woche geraten, nach Amerika zu schauen und sich die Bilder das famosen amtierenden amerikanischen Präsidenten Donald Trump anzusehen – am 1. Juni vor der St. John’s Episcopal Kirche in Washington, bibel- und händchenhaltend, nachdem er vorher eine (in diesem Fall) friedliche Demonstration vor dem Weißen Haus mit Tränengas auflösen ließ. Geht’s noch geschmackloser, Bibelfreund?

Solche Inszenierungen mögen wir als „typisch Amerika“ abtun, vielleicht ziehen wir sogar Vergleiche mit anderen Polit-Egozentrikern in solchen Ämtern, etwa so mancher Selbstdarstellung französischer Staatspräsidenten. Jedoch: Trumps Fehlverhalten erreicht eine Dimension, die Wichtigtuerei und Bedeutungsschwere durch Zynismus und Menschenverachtung ablöst. Seine unverantwortliche aggressive Rhetorik spaltet vorsätzlich und fahrlässig das ohnehin zerrissene Land, gießt Öl in dieses Feuer, nur um im November wiedergewählt zu werden. Ihm ist jedes Mittel recht. Und das ist eben nicht in Ordnung und Unrecht – auf jeden Fall moralisch.

Das widert sogar einstige Weggefährten an. Der ehemalige Verteidigungsminister, also nicht irgendein Hallodri, James Mattis, zeigt sich „wütend und entsetzt“. Führende Offiziere des amerikanischen Militärs sind nach Trumps Äußerungen bestürzt und werden unruhig, wenn sie an Trumps Möglichkeiten als oberster Befehlshaber denken.

Führung in Deutschland und in den USA sind derzeit zwei völlig verschiedene Welten. Gut, hier zu sein – als Bürger einer nicht fehlerfreien und durchaus zu kritisierenden, aber im Großen und Ganzen doch gut funktionierenden Demokratie.

3 Gedanken zu „Unser schönes Jammertal

  1. Lieber Bernd,
    Du schreibst mir aus der Seele. Treffend und absolut korrekt. Jammern auf hohem Niveau sind wir ja gewöhnt. Das Problem eines solchen „aufklärenden“ Artikels ist mal wieder das viele zu faul sind, diesen zu lesen. 2 Zeilen + reißerische Fotos, reicht leider oft für die „breite Masse“.

  2. Das sollte jeden Tag allen Nörglern vorgelesen werden.
    Vielleicht verstehen sie dann, in welch gelobten Land wir leben dürfen.

  3. Es tut mir leid, aber an den Maßnahmen der großen Koalition kann ich beim Besten Willen nichts Lobenswertes finden. Der Vergleich mit Amerika hinkt leider auch, da dort ein ziemlich undurchschaubares Wahlsystem dazu führt, dass immer nur besonders Reiche zum Präsidenten „erkoren“ werden können. Als Konservativer erkenne ich nicht mehr die Handschrift der großen Volksparteien in den beschlossenen Maßnahmen, sondern eher ein „Hinter dem Zeitgeist“ herhecheln und ein Wirtschaften, dass die berühmte „schwäbische Hausfrau“ vor Angst erstarren ließe. Wenn ich die Corona-Maßnahmen insgesamt als besonnen bezeichnen würde, dann frage ich mich nach den Bildern vom Wochenende, warum wir einen vorhersehbaren wirtschaftlichen Zusammenbruch in Etappen wegen eines relativ geringen Sterblichkeitsrisikos in Kauf nehmen, aber für einen „gefühlten“ Rassismus alle Regeln über Bord konsequenzlos über Bord geworfen werden…

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