„Hören wir uns alle so an?“

„Hören wir uns alle so an?“

Die SPD-Bundestagsabgeordnete Claudia Moll aus Eschweiler ist neue Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung und spürbar anders. Das Porträt ist heute im Kölner Stadt-Anzeiger erschienen.

Eschweiler. Schon mal lauert irgendwo eine Störung. Irgendetwas Aufregendes. Dann kann sie zum Vulkan werden, der ohne jede Spur einer Vorwarnung ausbricht. Claudia Moll macht, was wenige Politiker tun: Sagen, was ist. Sagen, was ohne rhetorische Schminke daherkommt. Oder um es mit dem berühmten FC-Slogan zu formulieren: Sie ist spürbar anders. „Ich komme gerade aus der Zentrale des Wahnsinns, da wird so viel Strunks geredet“, beginnt sie unser Gespräch in ihrem Wahlkreis auf dem ehemaligen Aachener Steinkohlenbergbau-Gelände in Alsdorf. Sie ist aus Berlin angereist…

Die SPD-Bundestagsabgeordnete aus Eschweiler hat 2017 ihr Mandat nicht über den Stallgeruch langjähriger Hinterzimmer-Ausdauer bekommen. „Ich war der Meinung, dass ich das kann und habe kandidiert. Mein Motto lautete: Jetzt machste et selbst.“ Sie gewann parteiintern gegen eine Mitbewerberin und einen Mitbewerber. Überraschend: für die anderen, nicht für sie. Dann folgte die eigentliche Überraschung: 2017 nahm sie einem etablierten CDU-Bundestagsabgeordneten den Wahlkreis in der Städteregion Aachen ab. 2021 zog sie erneut direkt ins Parlament ein.

Jetzt ist die 53-jährige Altenpflegerin Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung. Sie empfindet das nicht als Karrieresprung, weil sie offensichtlich nicht in solchen Kategorien denkt – keine wichtigtuerische Aufblähung, sondern nun ihr Alltag. Den packt sie an. Wäre sie nicht wiedergewählt worden, hätte sie ihren Beruf als Altenpflegerin wieder aufgenommen. „Was denn sonst?!“ In den ersten Monaten ihrer neuen Welt in Berlin hatte sie sich Ende 2017 manchmal gefragt, ob sie das durchhalten werde, ob es sich überhaupt lohne, eine Wohnung zu suchen und zu mieten. Schnell war ihr jedoch klar, dass sie sich mit ihrer Art, ihrer unverblümten Kommunikation durchsetzen würde. So eine wie sie, eine von der Basis, hatte dem Bundestag noch gefehlt.

Auf ihre unkonventionelle Tonalität reagierten manche in der SPD-Fraktion mit einer Melange aus Verwunderung und Amüsement. Das hat sie registriert, aber nicht irritiert. Sie ist damit schnell bekannt geworden. Obwohl sie es schlimm fand, „wenn man mich anfangs nicht ernst genommen hat“. Aber als sich ihre Vorschläge und Anmerkungen zum Thema Pflege gerade in Corona-Zeiten als zutreffend erwiesen, gewann sie eine nachhaltige Reputation, die ihr in der Fraktion und im Hohen Haus Beachtung und Achtung verschafft hat. „Ich bin keine Exotin mehr, die hören jetzt hin, jeder!“

„Gute Pflege. Machen!“, lautet der Titel ihres Thesenpapiers zur Verbesserung der Pflege, das sie im Herbst 2020 vorlegte. Der Teil 1, kein Zufall, ist überschrieben: „Pflegekräfte wertschätzen“. Fast 30 Jahre hat sie in der Altenpflege gearbeitet. „Für mich war und ist es ein Traumberuf. Der in den letzten Jahren oft beschriebene Pflegenotstand existiert schon seit Jahrzehnten, was mich bereits als junge Pflegekraft dazu motiviert hat, mit meinen Kolleginnen und Kollegen für Veränderungen auf die Straße zu gehen.“ Jetzt kann, darf und will sie im Amt die nötigen Dinge verändern.

Stichworte in ihrem Konzept sind mehr Personal, Pflege-Freiwilligendienst, Entbürokratisierung, deutliche Erhöhung der Vergütung durch Pflege- und Krankenkassen, Kompetenzen ausbauen. Klar ist ihr: „Wir müssen Geld in die Hand nehmen, um dem Personalnotstand entgegenwirken zu können. Nur so werden Angehörige wirklich entlastet, und wir werden den Bedürfnissen der Pflegebedürftigen gerecht.“ Das beinhalte auch eine Anhebung der Pflegeversicherungsbeiträge. Viele Menschen seien dazu bereit, wenn sich dadurch die Pflege tatsächlich verbessere. Was bisher geschehen sei, reiche nicht. „Reförmchen, nicht mehr. Es fehlt das Gesamtkonzept, der große Wurf.“ Und sie sagt nochmal sehr klar: „Eine Pflegekraft muss deutlich mehr verdienen!“

Sie ist für die Impfpflicht, aber bitte für jeden. „Entweder alle oder keiner, keine Berufsgruppe darf stigmatisiert werden.“ Auf parteipolitische Spielchen habe sie keine Lust. „Jeder darf seine eigene Meinung haben, wir brauchen die Impfplicht.“ Die Debatte darüber empfindet sie zuweilen als unerträglich. „Ich gucke keine Talkshows mehr, da rege ich mich nur noch auf.“ Dennoch versteht sie sich mit ihrem zuständigen Fachminister Karl Lauterbach gut. „Mit Karl komme ich klar. Der ist ein brillanter Kopf, aber er redet oft so, dass die normalen Leute ihn nicht verstehen. Hören wir uns alle so an?“ Die Kommunikation müsse dringend und unbedingt verbessert werden.

Pflegebevollmächtigte zu sein, sei für sie eine Herzensaufgabe. „Es ist mir eine Ehre, damit offiziell das Sprachrohr der Pflegekräfte, der Pflegebedürftigen und deren Angehörigen zu sein. Ein Bett pflegt sich nicht von allein. Daher gilt es jetzt, anzupacken und schnellstmöglich spürbare Verbesserungen für die Pflege zu schaffen.“ Sie lebt vom üblichen Politikbetrieb Lichtjahre entfernt. Daran habe ihre bodenständige Familie den größten Anteil. Da ruft ihre 73-jährige Mutter regelmäßig in der Hauptstadt an, ihr Mann schreibt ihr SMS-Nachrichten zu Alltag und Politik, und wenn sie zu Hause in Eschweiler ist, trifft sie sich mit langjährigen Freundinnen zum rheinischen Klatsch und Tratsch. „So ne Verzäll bruch ich dann.“

Machtgehabe sei ihr fremd. „Ich will keine Pöstchen, ich schaue mir den Betrieb lieber von der Seitenlinie aus an und handele, wie ich es für richtig halte.“ Am meisten störe sie langes „Rumsitzen“. Eine kleine Wohnung hat sie nach ihrem Einzug in den Bundestag schließlich in Berlin gefunden. „Hier ist es fast so gemütlich wie bei uns in Eschweiler. Ich habe meinen Kiosk, meinen Griechen, mein Eiscafé, meine Bäckerei, meinen Penny-Markt. Es ist ziemlich ruhig, und ich bin froh, dass ich abends nicht die Gesichter sehen muss, die ich über Tag sehe.“

Beim Gruppenfoto mit den Mitgliedern der neuen Fraktion stand sie direkt neben Olaf Scholz. Sie habe eine „gute Chemie“ zum Bundeskanzler. Warum? „Weil ich ganz anders mit ihm umgehe, ich bringe ihn oft zum Lachen.“ Als sie nach ihrer Corona-positiv-Quarantäne wieder zurück in der Fraktion war, wollte Scholz wissen, was sie in dieser Zeit gemacht habe. „Och Olaf, ich habe mich informiert und kann Dir zum Beispiel sagen, dass Hagenbecks Faultier schwanger ist. Ich habe noch nie so viele Tiersendungen geguckt.“ Da lachte er, der Kanzler aus Hamburg.

Und so erzählt sie über ihr Leben zwischen Politik und Pflege, Scholz und Lauterbach, Eschweiler und Berlin und sagt: „Politik macht mir Spaß. Aber wenn ich nicht mehr brenne, dann gebe ich es sofort dran.“ So weit ist es noch nicht; denn sie plant auch für die nächste Legislaturperiode eine Kandidatur. „Danach werde ich etwas ganz Anderes machen, mit 75 will ich nicht mehr im Bundestag sitzen.“ Dann ist das Gespräch zu Ende, und auf die Frage des freundlichen Kellners, ob es noch etwas sein dürfe, sagt sie: „Nee Jong, danke schön.“

Foto: Bernd Mathieu. Das Porträt ist im Kölner Stadt-Anzeiger (Meinungsseite) am 17. Februar 2022 erschienen.

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