Weihnachten im Krisenmodus

Weihnachten im Krisenmodus

Krisenmodus: Das ist der Zustand in diesem Jahr. Das ist die traurige Permanenz eines Gefühls, das uns ständig virusmäßig begleitet. Es ist zuweilen auch ein Gefühl der Hilflosigkeit.

Krisenmodus: Das beschreibt zeitgleich das Niveau unserer gesellschaftlichen Debatte, die in Corona-Zeiten mehr denn je zu einer „Auseinander“setzung gerät. Mittendrin: Querdenker, Verschwörungstheoretiker, Leugner, aber auch ernsthaft und berechtigt um Bürgerrechte und demokratische Legitimation besorgte Bürgerinnen und Bürger. Da sind diejenigen, die das Land zusammenhalten wollen und andere, die es spalten wollen.

Krisenmodus: Das gilt für die Qualität unserer Demokratie. Sie hält viel aus: die Lauten, die aus der Pandemie parteipolitisches Kapital schlagen wollen, die Abwägenden, die nicht alles schon Wochen im Voraus wissen und das zugeben, dann die zu Schnellschüssen Neigenden und auf der anderen Seite die viel zu Zögerlichen. Wie kommen sie zusammen? Auch das wird 2021 eine wesentliche Frage sein und bleiben.

Krisenmodus: Man muss für Werte wie Rücksicht, Respekt, Haltung, Besonnenheit und Gradlinigkeit teilweise Schlimmes befürchten. Die Hemmschwellen zur aggressiven Verunglimpfung, zur übelsten plakativen Beleidigung sind auf den Straßen und in Social Media noch niedriger geworden. Kritik an Corona-Verordnungen, an der geringen Beteiligung der Parlamente, an Ungerechtigkeiten im Lockdown ist berechtigt, aber allzu oft missrät sie zu Wut- und Hassausbrüchen. Zynismus ist noch ihre mildeste Form.

Krisenmodus: Das beschreibt auch die Lage der Kultur. Das betrifft die Ignoranz der Politik – vor allem im Raumschiff Berlin mit den es hektisch umkreisenden Satelliten aus 16 Bundesländern. Das ist das herrschende Unwissen über die in der freien Kultur so gut wie nicht vorhandene Subventionskultur. Wenn die Kultur eine staatlich verordnete Zwangspause machen muss, ist das die Insolvenz unserer Ansprüche. Man kann das Wort nicht oft genug sagen: unserer KULTUR. Ohne sie verarmt unsere Lebensfreude. Sie hat gerade in diesen Zeiten mehr Aufmerksamkeit, mehr Pflege, mehr Fürsorge, mehr Engagement verdient.

Frohe Weihnachten! Das wollen manche gar nicht mehr hören, weil sie an den aktuellen Einschränkungen leiden. Weil sie spüren, dass wir diese Krise noch lange nicht überstanden haben. Weil sie ahnen, dass alleine mit einem Impfstoff noch nicht alles gut wird. Weihnachten wird anders, aber nicht völlig; denn Weihnachten ist für viele – uneingeschränkt – eine fein gelebte Erinnerungskultur: an Eltern oder Großeltern, an Christmetten, an Geborgenheit, an Rituale, herrlich altmodisch, traditionell, immer wieder gleich und deshalb so vertraut, wie nichts vertraut sein kann in einer aus allen Fugen geratenen Welt. Ist das nichts?

Weihnachtszeit. Sie hat viel mit Mut, mit Neubeginn, mit Selbstbewusstsein, mit Zuversicht zu tun. Jesus war nicht zimperlich, nicht gleichgültig, nicht berechnend, nicht engstirnig, nicht rücksichtslos. Er traf Entscheidungen, er mischte sich ein, er kämpfte gegen Ungerechtigkeit, und er war auf der Seite der Schwachen. Viele – auch „seine“ Kirchen – könnten heute davon lernen. Es sind Kirchen, die einmal Einfluss hatten. Ihn nicht mehr zu haben, ist selbstverschuldetes Missmanagement. Unbehagen zu artikulieren gehörte einmal zu ihren vornehmsten Aufgaben. Aber die nötige Glaubwürdigkeit dafür haben sie peu à peu verloren. Der erhobene Zeigefinger und von einigen sogenannten Hochwürden gegenüber sogenannten Laien praktizierte engstirnige Arroganz spielen keine Rolle mehr. Guter Freund statt abgehobener Lehrmeister: Das würde die Kirche wieder sympathischer, näher, menschlicher machen. Papst Franziskus ist dafür Vorbild, Mutmacher und Mahner – ziemlich allein auf weiter vatikanischer Flur und im Stich gelassen von der Kurie.

Hygiene. Sie spielt eine den Alltag bestimmende Rolle. Händewaschen. Maske tragen. Abstand halten. Wie schwierig ist da die Hygiene im Umgang miteinander, wenn wir Familie, Freunde, Nachbarn nicht mehr ohne teilweise drastische Einschränkungen treffen dürfen. Wir dürfen dieses Gefühl in dieser Krise nicht verlieren. Es hat mit uns und unserem Befinden, mit unserem Alltagsglück zu tun. Mit unseren Chancen, unseren Hoffnungen, den nötigen Veränderungen, die wir uns gerade in dieser Zeit doch ernsthaft vorgenommen haben – für bessere Zeiten. Ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest!

Gemälde: Emil Ciocoiu

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