Baustelle Kultur.

Baustelle Kultur.


Die vielen freien Künstlerinnen und Künstler haben es zurzeit schwer. Manche leiden nur. Manche ertragen selbstbewusst und im Vertrauen auf ihr Können dieses Schicksal, diese ungewöhnliche Melange aus abgesagten  Auftritten, mehr freier Zeit für intensiv erlebte Kreativität und neuen, durchaus positiven Erfahrungen.

In diesen Wochen habe ich das Glück, mit Künstlerinnen und Künstlern aus unserer Region regelmäßig Kontakt zu haben, sie zu vermitteln für „Ersatz-Auftritte“ in und vor Seniorenheimen in der Städteregion Aachen. Damit sie wenigstens kleine Engagements haben – und damit die nicht besuchten Seniorinnen und Senioren eine Abwechslung künstlerischer ART genießen dürfen. Beides passt hervorragend zusammen. Das wissen wir jetzt.

Kultur mit Licht und Schatten: Freischaffende Künstlerinnen und Künstler haben es in Corona-Zeiten schwer. Foto: Bernd Mathieu
Kultur mit Licht und Schatten: Freischaffende Künstlerinnen und Künstler haben es in Corona-Zeiten schwer. Foto: Bernd Mathieu

Für manche von uns ist es eine neue Lebenserfahrung, diesen Dialog zwischen jungen und alten Menschen zu vermitteln, Die Bewohnerinnen und Bewohner der Seniorenheime sind dankbar, wenn Tanja Raich und Anja Mathar, Jürgen Beckers und Bärbel Ehlert, Christoph Eisenburger, Heribert Leuchter und andere Künstlerinnen und Künstler für sie spielen und singen. Sie empfinden in ihrem zuweilen gewiss auch tristen Alltag Lebensfreude, und die kann ein Moment, eine Aneinanderreihung fröhlicher Augenblicke, aber auch die Nachhaltigkeit einer schönen Erinnerung sein, die bleibt. Sie sind glücklich darüber, dass die Künstlerinnen und Künstler zu ihnen kommen und – wie im Marienheim in Stolberg-Büsbach – sogar mitten in einer Baustelle auftreten. Das ist auch für die Akteure etwas Neues, und sie genießen es. Tanja Raich schrieb nach dem Open-Air-Konzert im Facebook: „Christoph Eisenburger und ich hatten heute viel Spaß und die Bewohner auch!“

Kultur, und das vergessen wir bei all den aktuellen Sofort-, Hilfs- und Förderungsprogrammen zuweilen, ist ein Grundlebensmittel unserer Gesellschaft. Es ist jedoch, wie es in den kommunalen Haushalten so einschränkend buchhalterisch heißt, eine „freiwillige Ausgabe.“ Das darf nicht wahr sein; denn es ist die Pflicht unseres Staats, unserer Regierungen, Parlamente und Stadträte, der Kultur die freie Luft zum Atmen zu finanzieren. Ohne Wenn und Aber. Kultur umfasst im Idealfall alle sozialen, psychischen, charakterlichen und empathischen Attitüden, die sozusagen als Grundmuster für unsere Verhaltensweisen, Vorurteile, Erfahrungen, Mentalitäten dienen können. Sie bringt uns zum Schmunzeln, zum Nachdenken, oft regt sie an und manchmal sogar auf, sie fördert uns. Alles ist möglich.

Kultur in Zeiten von Corona: Tanja Raich und Christoph Eisenburger treten vor Seniorenheimen auf - und haben Freude daran. Foto: Bernd Mathieu
Kultur in Zeiten von Corona: Tanja Raich und Christoph Eisenburger treten vor Seniorenheimen auf – und haben Freude daran. Foto: Bernd Mathieu

Wodurch wird die Aufmerksamkeit des Menschen geweckt? Mit Emotionen? Mit Schlagzeilen? Mit einer Provokation? Mit einem etwas Besonderem, etwas ganz Grellem? Auf jeden Fall mit Kultur, mit Musik, mit Malerei, mit Theater, mit Performance in vielen Varianten. Künstler haben  – meistens – Selbstbewusstsein, Mut zum Anpacken neuer Projekte, zum Experimentieren, zum Ausprobieren, zum Diskutieren, vor allem zum Realisieren, weil die Bühne ihr Leben ist.

Kunst und Künstler treten seit eh und je in eine intensive emotionale Beziehung mit ihrem Publikum ein. Sie lassen ihre Zuschauer und Zuhörer, ihre Betrachter und ihre kritischen Augen und Ohren nicht gleichgültig. Gute Kultur schafft ein Klima, eine Atmosphäre, im optimalen Fall sogar Esprit und Flair. Gut inszenierte Kultur ist ein Gegenentwurf zur oberflächlichen Bild- und Inszenierungswut der Erlebnisgesellschaft.

Open-Air-Kultur in Zeiten von Corona: ein Auftritt des Das Da Theaters Aachen. Foto: Bernd Mathieu
Open-Air-Kultur in Zeiten von Corona: ein Auftritt des Das Da Theaters Aachen. Foto: Bernd Mathieu

Und doch gehen wir in unserem Alltag immer wieder auf die Tournee eingefahrener Wege. Wir bewegen uns in unserer Umgebung, aber wie viel erfahren wir beim vorgeschriebenen Abstandhalten von ihr? Gehen wir – und gerade jetzt, in der Corona-Ära – sensibel, nachdenklich, perspektivisch und selbstbewusst mit diesen neuen Erfahrungen um oder eher defensiv, gar desillusioniert?

Eine aufgeklärte und mündige Gesellschaft lebt von Dynamik, Experiment, Energie, Kreativität, Ästhetik, von Neuem, von Vielfalt: Das ist unsere Kultur. Und ein grandioses soziales Werk! Was für eine andere und menschenfreundliche Form von Social Media!

Kultur ist in diesem Sinne tatsächlich eine Baustelle – der ständigen Veränderung, der beabsichtigten Verbesserung und ein konkreter Beitrag zur Auflösung eines Staus: den in unseren Gedanken und in unserer Toleranz.

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